Hochgeschwindigkeitshandel
Temposünder unter Verdacht

Schneller als das Licht geht es nicht. Doch an diese absolute Grenze versuchen sich die Hochgeschwindigkeitshändler an den Aktienbörsen immer näher heranzutasten. Der ultraschnelle Computerhandel regiert die Weltbörsen und könnte – so die Kritiker – das System selbst aus dem Gleichgewicht bringen.
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NEW YORK/LONDON. Längst sind die Wertpapiermärkte Schauplatz eines gnadenlosen technologischen Wettbewerbs, bei dem Computer Millionen von Kauf- und Verkaufsaufträgen im Rhythmus von Millisekunden ausführen. Der atemberaubend schnelle Computerhandel läuft unter Stichworten wie „High Frequency Trading“ oder „Algotrading“ und macht nach Angaben der Beratungsgesellschaft Tabb Group in den USA bereits mehr als 70 Prozent des täglichen Handelsvolumens aus. Vor vier Jahren war es noch weniger als ein Drittel. An den großen europäischen Handelsplätzen sorgen die Computer inzwischen für rund 30 Prozent der Aufträge.

Der Siegeszug gerät ins Stocken

Der Siegeszug des ultraschnellen Computerhandels droht jetzt allerdings ins Stocken zu geraten, denn im Zuge der Finanzkrise sind die Hochgeschwindigkeitstrader in den Fokus der amerikanischen und britischen Finanzaufsicht geraten. Die Regulierer fürchten, dass die immer stärker anschwellende Flut computergenerierter Orders Kursschwankungen verstärkt und damit das System destabilisieren könnte. Kritiker wie der Autor und Hedge-Fonds-Manager Nassim Nicholas Taleb gehen davon aus, dass die Algotrader zu den extremen Kursschwankungen im vergangenen Jahr beigetragen haben. Mary Shapiro, die Chefin der US–Börsenaufsicht SEC, sorgt sich um die Stabilität des Marktes, sollte einer der Computer mal verrückt spielen, und der britische Finanzstaatssekretär Paul Myners fürchtet, dass einige Strategien der Algotrader andere Investoren systematisch benachteiligen .

Nach Schätzungen der Berater der Tabb Group, mischen rund 400 von etwa 20 000 in den USA zum Aktienhandel zugelassenen Firmen, beim High Frequency Trading mit. Zu den größten Spielern gehören Hedge-Fonds wie Citadel, D.E. Shaw und Renaissance Technologies, aber auch spezialisierte Broker wie Getco oder Hudson River Trading, und einige große Investmentbanken wie Goldman Sachs. Der technische Wettbewerb zwischen diesen Spielern wird immer härter. Deshalb stehen ihre Hochleistungsserver direkt neben den Computern, über die die New Yorker, Frankfurter oder Londoner Börse ihren Handel abwickelt. Theoretisch könnten die Orders zwar auch via Datenleitung aus anderen Städten oder anderen Ländern kommen. Aber die Leitungen sind viel zu lang, und der Strom darin ist nicht schnell genug, er erreicht nur zwei Drittel der Lichtgeschwindigkeit.

Die Rechner der Algotrader registrieren innerhalb von Millisekunden minimale Kursabweichungen und versuchen von winzigen Marktungleichgewichten zu profitieren. Die Kritiker monieren allerdings, dass die Algotrader viele diese Ungleichgewichte oft erst selbst schaffen.

Im Zentrum der Kontroverse stehen sogenannte Flash Orders. Dabei handelt es sich um Aktienaufträge, die ausgewählten Kunden von elektronischen Börsen gegen eine Gebühr für einen Sekundenbruchteil sichtbar gemacht werden, bevor sie an eine konkurrierende Handelsplattform weitergeleitet werden. Die Investoren bekommen damit die Gelegenheit, sich bei den Geschäften dazwischen zu schalten. Die beiden Handelsplattformen Nasdaq OMX und Bats Global Market haben, wegen der wachsenden Kritik der Aufseher an dieser Handelspraxis, die Flash-Trades bereits im Sommer verboten. Die New York Stock Exchange hat den Blitzhandel ebenso wie die Deutsche Börse nie zugelassen.

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  • Computergesteuerter Handel zum Ausgleich von Kursdifferenzen ist sicherlich sinnvoll. Das ist die idee von der kursausgleichenden Wirkung von Arbitragegeschäften. Das Volumen solcher Geschäfte sollte stets im marginalen bereich bleiben. Ein Anteil von 70% am Tagesgeschäft, wie in diesem Artikel erwähnt, zwingt zu regulatorischem Handeln. Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten.

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