Talfahrt an den Aktienbörsen führte zum Ende
Das schnelle Ende einer Illusion

Wenn heute um 18 Uhr an der Nasdaq Deutschland das Handelssystem abgeschaltet wird, ist die deutsche Börsenwelt um eine Illusion ärmer: Der Versuch, einen Konkurrenten zur schier übermächtigen Deutschen Börse in Frankfurt aus dem Boden zu stampfen, hat sich als aussichtsloses Unterfangen erwiesen.

FRANKFURT/M. Der Frankfurter Quasi-Monopolist im Aktienhandel ist, so scheint es, auf absehbare Zeit unangreifbar.

Vor nicht einmal einem halben Jahr klang das noch ganz anders. „Eine echte Alternative“ zu Frankfurt werde man den Anlegern bieten, versprach Nasdaq-Deutschland-Chef Jim Weber beim Börsenstart am 21. März in Berlin. Doch die potenziellen Kunden wollten vom neuen Handelssystem nichts wissen. Die Umsätze blieben verschwindend gering. Im Juni waren es nicht einmal 150 Mill. Euro – in Frankfurt alleine auf dem elektronischen Xetra-System 74 Mrd. Euro.

Größtes Problem des gescheiterten Newcomers war die jahrelange Talfahrt an den Aktienmärkten, die den Privatanlegern – für sie war die Börse im Wesentlichen konzipiert – die Lust an Wertpapiergeschäften gründlich verdorben hat. Dass das Ende aber so schnell kam, liegt an einem Führungswechsel beim Hauptaktionär, der amerikanischen Nasdaq. Dem erst seit Mai amtierenden Nasdaq-Chef Robert Greifeld waren die unprofitablen Auslandsabenteuer seiner Vorgänger von Beginn an suspekt. Zunächst verkündete er daher das Ende der Nasdaq Europe in Brüssel. Anschließend stellte er den Anteil an der Nasdaq Deutschland zum Verkauf, den aber niemand haben wollte.

Insider machen für den Flop aber auch Reibereien im Eigentümerkreis verantwortlich. Neben der Nasdaq waren die Commerzbank und ihre Online-Tochter Comdirect, die Dresdner Bank und die Börsen Berlin und Bremen beteiligt. Alle Partner hätten vor allem ihre eigenen Interessen im Auge gehabt, klagt ein Manager eines beteiligten Unternehmens. „Es gab nie einen Ruck nach dem Motto: Jetzt treten wir gemeinsam gegen die Deutsche Börse an.“

Wer daran die Schuld trägt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Mal ist von der angeblichen Arroganz der Nasdaq-Leute die Rede, mal wird den Banken der schwarze Peter zugeschoben, die nicht so viele Aufträge nach Berlin geleitet hätten wie geplant. Hinzu kamen Macken des Handelsmodells. Anleger beklagten, dass es bei limitierten Aufträgen oft zu Teilausführungen kam. Das Versprechen der Nasdaq Deutschland, kostspielige Teilausführungen zu vermeiden, galt nur für unlimitierte Orders. Aber diese Einschränkung war für Kleinanleger kaum verständlich. Zwar bastelten die Verantwortlichen bereits an Lösungen dieses Problems, doch wurden diese Ideen wegen des überstürzten Ausstiegs der Nasdaq nicht mehr umgesetzt.

Nun müssen die Beteiligten sehen, wie sie den Scherbenhaufen beiseite räumen. Das Image der Nasdaq ist reichlich ramponiert. Als Partner für andere Börsen kommen die Amerikaner so schnell wohl nicht mehr in Frage, zumal sie auch bei ihrem ebenfalls gescheiterten Ausflug nach Japan keine gute Figur machten. Doch während die Nasdaq damit angesichts ihrer Stärke im Heimatmarkt leben kann, sind die Perspektiven für die Börsen in Berlin und Bremen nebulös. Dies gilt vor allem für Bremen, wo der Parketthandel zu Gunsten der Nasdaq Deutschland eingestellt wurde. Aufgeben wird Bremen zwar nicht. „Wir werden sicher wieder Börsenhandel anbieten“, sagt Börsenchef Axel Schubert. Wie dieser aussehen soll, steht freilich noch nicht fest. Auch Berlin muss sich eine neue Nische in der überbesetzten deutschen Börsenlandschaft mit sieben Regionalbörsen suchen, die allesamt ums Überleben kämpfen. Jörg Franke, stellvertretender Aufsichtsratschef der Berliner Börse, setzt vor allem auf die Verbesserung des in Berlin weiter bestehenden Parketthandels. Denkbar sei eventuell aber auch der Erwerb eines elektronischen Handelssystems.

Am leichtesten können die Banken zur Tagesordnung übergehen. Die Investitionen, die sich im niedrigen Millionenbereich bewegten, fallen selbst angesichts der Ertragsschwäche der deutschen Geldinstitute nicht ins Gewicht. Und Aktien werden ganz einfach wieder in Frankfurt gehandelt. Die Commerzbank etwa leitet bereits seit Montag die meisten der bis dato nach Berlin gehenden Aufträge an den Main.

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