Börse Inside
Undurchsichtige Ratings ärgern Konzerne

Viele Dax-Unternehmen kritisieren die Dominanz der US-Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s – und wünschen sich mehr Wettbewerb.

FRANKFURT/M. Die deutschen Top-Unternehmen haben den weltweit größten Ratingagenturen Standard & Poor’s (S&P) und Moody’s mangelnde Transparenz vorgeworfen. Deren Bonitätsbewertungen seien oft nur schwer nachvollziehbar, erklärten viele Großunternehmen in einer Umfrage des Handelsblatts unter den 30 Standardwerten des Deutschen Aktienindex (Dax). Zudem beklagen die Dax-30-Firmen, die Sichtweise der Ratingagenturen sei zu amerikanisch und berücksichtige europäische Besonderheiten zu wenig. Auch die dominante Stellung der beiden US-Agenturen – sie beherrschen 80 Prozent des Weltmarktes – bereitet den deutschen Unternehmen Unbehagen. Bei aller Kritik halten die Konzernlenker die Ratingagenturen aber für unverzichtbar.

Eine staatliche Regulierung der Bonitätsprüfer lehnen die Befragten ab. Zudem ruhen einige Hoffnungen darauf, dass die europäischen Agentur Fitch – Marktanteil 15 Prozent – den Platzhirschen S&P und Moody’s stärker Konkurrenz macht.

„Es ist wichtig, dass der Ratingprozess für alle Beteiligten transparenter gestaltet wird und dass künftig nicht nur US-Bilanzierungsregeln beachtet werden, sondern auch europäische und nationale Vorschriften“, mahnt zum Beispiel Hero Brahms an, Finanzvorstand der Linde AG in Wiesbaden. Damit – und vor allem mit der Forderung nach höherer Transparenz der Unternehmensbewertung – ist er sich mit den meisten Befragten einig.

Die Deutsche Post weist darauf hin, dass schlechte Bonitätsnoten die Kredite der Unternehmen verteuern und erklärt: „Fehleinschätzungen der Agenturen können zu erheblichen materiellen Konsequenzen für Unternehmen und Investoren führen. Deshalb wären eine durch mehr Wettbewerb geprägte Struktur der Ratingbranche und vor allem eine größere Transparenz der Entscheidungsprozesse zu begrüßen.“

Tatsächlich plädiert aber keines der befragten Unternehmen klar für mehr staatliche Kontrolle in Gestalt einer Regulierungsbehörde oder auch nur einer Schiedsstelle. „Es scheint mir sinnvoller, zunächst auf dem Weg von Gesprächen zu versuchen, den Rating-Vorgang für ein Unternehmen nachvollziehbar zu gestalten. Erst als Ultima Ratio ist eine Schiedsstelle denkbar“, meint lediglich Linde-Vorstand Brahms.

Noch entschiedener ist die Position der BASF: „Wir halten staatliche Interventionen auf diesem Sektor für nicht erforderlich“, erteilen die Ludwigshafener allen Gedanken an mehr Staat im Rating-Geschäft eine Absage. Stattdessen soll der Markt die Probleme lösen: „Wünschenswert ist ein gesunder Wettbewerb zwischen den Rating-Agenturen. Von daher begrüßen wir es, wenn sich weitere Agenturen am Markt etablieren.“

Einen härteren Wettbewerb nicht zuletzt durch eine europäische Agentur würde – wie fast alle anderen Unternehmen – auch die Schering AG begrüßen, warnt jedoch: „Der Aufbau einer Rating-Agentur muss am Markt Erfolg zeigen und sollte nicht auf anderen Motiven beruhen.“ Linde-Finanzchef Brahms hält den Aufbau einer neuen Agentur denn auch für unnötig: „Natürlich trägt der Wettbewerb durch eine europäische Rating-Agentur dazu bei, die Sichtweise europäischer Unternehmen besser zur Geltung zu bringen. Schon heute gibt es die Fitch Rating Ltd. in Paris, die sich bereits ein gutes Standing in den Segmenten Banken und öffentliche Körperschaften erarbeitet hat. Diese Agentur könnte auch für den Corporate-Bereich größere Bedeutung gewinnen.“ Auch der Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner macht sich für Fitch stark.

Die Rating-Agenturen, vor allem S & P, sind verstärkt in die Kritik geraten, weil sie Ratings überraschend gesenkt hatten, etwa für die Münchener Rück oder Thyssen-Krupp. Die betroffenen Unternehmen reagierten verärgert und nannten die schlechteren Bonitätsnoten nicht nachvollziehbar.

Die Ratingagenturen wiesen die Kritik zurück. S&P erklärte etwa, die Agentur sei neutral. Die Ratings seien anders als die Urteile von Aktienanalysten nicht als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers zu verstehen, sondern es werde die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Schuldners bewertet.

Um nicht von negativen Nachrichten überrascht zu werden, raten Fachleute wie Merrill-Lynch-Deutschlandchef Mathias Mosler den Unternehmen zu intensiverem Kontakt mit dem Bonitätsprüfern.

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