Wall Street
Die harte Hand des Kapitalismus

Mit Rückendeckung der neuen Eigner krempelt der Chef der New Yorker Börse, John Thain, den 214 Jahre alten Aktienmarkt um. An der altehrwürdigen Wall Street beginnt damit ein neues Zeitalter.

NEW YORK. Der tief greifende Wandel an der New New York Stock Exchange (Nyse), der wichtigsten Börse der Welt, fällt auf den ersten Blick gar nicht auf. So liegen morgens gegen 10.30 Uhr - eine Stunde nach Handelsbeginn - bereits hunderte zerknüllter Zettel auf dem Parkett - wie seit eh und je an der Wall Street. Die Händler laufen zwar mit handgroßem Minicomputer herum, über die sie Aufträge drahtlos an die zuständigen Kursmakler senden können. Aber viele schreiben aus alter Gewohnheit immer noch mit Bleistift auf Papier.

Doch die Macht der Gewohnheit wird erschüttert. Dahinter steckt John Thain. Mit seinem braven Seitenscheitel, der randlosen Brille und den stets leicht zusammengepressten Lippen ist der Chef der New Yorker Börse auf geradezu mysteriöse Weise langweilig. Er stellt geradezu den Gegenentwurf zu seinem schillernden Vorgänger Richard Grasso dar, der seinen Schädel rasierte, seine Leute anschrie und sich als Italo-Amerikaner als eine Art Pate des 214 Jahre alten Aktienmarkts präsentierte.

Während Grasso veraltete Strukturen vergeblich verteidigte, hat der leise Revolutionär Thain die Börse in die neue Zeit geführt. Seit er die neuerdings Nyse Group genannte Börsenholding selbst an die Börse brachte, erfasst die kalte Logik der Kapitalmärkte nun auch den weltgrößten Kapitalmarkt höchstselbst. Hedge-Fonds und Analysten, Übernahmespekulationen und Kostensynergien zogen mit Thain ein in das historische Gebäude an der Ecke Broad Street und Wall Street, das bis Ende 2003 eher einem elitären Club als einem modernen Unternehmen glich.

Während Grassos Macht auf den Nyse-Händlern basierte, die einst den exklusiven, mitgliedergeführten Börsenverein Nyse besaßen, konzentriert Thain sich auf die neuen Machthaber. Aktionärswert, Sparen, Wachstum - diese Schlagworte kommen in jeder Rede Thains vor. Und er redet nicht nur, er handelt: 2005, keine anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt, kaufte Thain die vollelektronische Chicagoer Börse Archipelago. Deren Aktiennotierung und Rechtsform als Aktiengesellschaft übernahm der Nyse-Chef gleich mit - und ersparte sich so einen Zeit raubenden Börsengang.

Ende vergangener Woche ermöglichte Thain mit einer fast 1,8 Mrd. Dollar schweren Aktienplatzierung Altaktionären von Nyse und Archipelago den Ausstieg. Der Aktienkurs der Nyse Group sprang unmittelbar nach der Platzierung um 16 Prozent nach oben - ein Zeichen, dass Investoren wie Hedge-Fonds die frei werdenden Papiere gierig aufschnappten. Der Börsenwert der Nyse Group stieg in zwei Tagen um mehr als anderthalb Milliarden Dollar. Da klingen die Buhrufe, mit denen manche Händler den Handelsstart der Nyse-Group-Aktie am 7. März begleitet hatten, wie ein fernes Echo aus einer längst vergangenen Ära.

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