Weitere Börsengänge erwartet
Russische Börse erlebt IPO-Boom

Der Kosmetikhersteller Kalina startete erfolgreich an der Moskauer Börse. Experten schätzen das Emissionsvolumen in Russland bis 2006 auf 30 Milliarden Dollar.

MOSKAU. In Russland kommen Börsengänge (Initial Public Offering, IPO) langsam wieder in Mode. Nach der gestrigen Aktienplatzierung des größten russischen Kosmetikherstellers, der Jekaterinburger Holding Kalina, planen weitere russische Unternehmen den Gang an die Moskauer Börse. Den Auftakt hatte im März der Kampfjethersteller Irkut gemacht. Schwergewichte wie der weltweit drittgrößte Aluminiumkonzern Russkij Aluminii, dessen Konkurrent SUAL und weitere russische Unternehmen denken öffentlich über IPOs nach.

Kalinas erfolgreicher Gang an die Börse wurde von Marktbeobachtern sehr gelobt. Denn die Jekaterinburger, die gestern 2,8 Mill. Aktien zum angepeilten Preis von 19 $ platzieren konnten, bewiesen Mut: Die russische Börse ist inmitten einer Korrekturphase, nachdem der RTS-Index Anfang April das Rekordhoch von 784 Punkten erreicht hatte. Die täglichen Negativnachrichten über den angeschlagenen Ölkonzern Yukos machen die Anleger zudem nervös.

So erwarten Analysten weitere Börsengänge auch erst nach dem Prozess gegen den Yukos-Großaktionär Michail Chodorkowskij. Der Prozess soll im Juni oder Juli beginnen. „Zum jetzigen Zeitpunkt erwarten wir keine weiteren IPOs, denn russische Unternehmen halten ihre Unternehmen für noch zu billig bewertet – und das zu recht“, meint Florian Fenner, Fondsmanager der Moskauer Investmentbank United Financial Group (UFG). Brunswick Asset Management in Moskau rechnet bis Ende 2006 mit Börsengängen im Volumen von von 30 Mrd. $. „Und das ist vielleicht noch zu konservativ geschätzt“, meint Anton Chmelnitzkij von Brunswick. Bislang dominieren noch Ölkonzerne die Moskauer Börse. Der Analyst sieht daher noch ein gewaltiges Potenzial: „Denn wenn nur 20 % des Bruttoinlandsprodukts mit Öl gemacht werden, wo sind dann die anderen 80 %?“

Mark Martin, Schwellenländer- Experte bei ING in London schätzt allerdings, dass Firmen außerhalb des Rohstoffsektors frühestens 2005 an die Börse gehen dürften. Schneller könnte es allerdings gehen, wenn die Zinsen bald deutlich steigen und russische Unternehmen nicht über Kredite oder Firmenanleihen weiter billig an Geld kommen. Neue Börsengänge werden zudem Russlands Aktienmarkt grundsätzlich verändern: Waren im vorigen Jahr noch 63 % aller in Moskau börsennotierten Unternehmen aus dem Erdöl- und Erdgassektor, so dürften es laut Brunswick 2006 nur noch 47 % sein.

Nach dem Börsengang von Kalina bleiben die bisher größten Aktionäre – der Unternehmer Timur Gorjajew mit jetzt noch 51 % und die Osteuropabank (EBRD) mit 10,8 % – auch weiter die größten Anteilseigner. UFG-Fondsmanager Fenner lobt das Unternehmen: „Das ist eine sehr gute Firma mit gutem Management in einem wachsenden Markt und mit steigenden Marktanteilen.“ Den Ausgabepreis hält er für fair. Allerdings sehen Analysten wie Alexej Jasykow vom Brokerhaus Aton Risiken: „Langfristig wird russische Kosmetik gegenüber den immer aggressiver auf Russlands Markt drängenden ausländischen Produkten nicht konkurrenzfähig sein.“ Dmitrij Winogradow von Brunswick UBS Warburg warnt, der steigende Rubelkurs schwäche Kalinas Konkurrenzfähigkeit zusätzlich.

Allerdings ist Russland einer der weltweit am schnellsten wachsenden Märkte für Kosmetik- und Parfümerieprodukte mit einem erwarteten Volumen von 6,6 Mrd. $ in diesem Jahr. Kalina setzte im vorigen Jahr dabei 157,1 Mill. $ um und machte 10,8 Mill. $ Reingewinn.

Bisher teilen sich westliche und russische Anbieter den Markt. Marktführer sind L’Oréal, Procter & Gamble sowie Beiersdorf. Konzerne wie Avon und der jüngste schwedische Börsendebütant Oriflame drängen aber weiter nach Osten und wollen in Kürze eigene Werke in Russland eröffnen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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