Agrarrohstoffe
Weizen schlägt Öl

Gewinner und Verlierer an den Rohstoffmärkten haben die Rollen getauscht. Vor sechs Jahren startete die Hausse, und Öl hatte immer die Nase vorn: Der Schmierstoff war in der Spitze acht Mal teurer als noch vor einigen Jahren. Seit kurzem dagegen schwächelt der Preis. Agrarrohstoffe machen dafür das Tempo.

FRANKFURT. Im Rewe um die Ecke kostet ein Kilo Bananen aus Costa Rica 1,99 Euro, Avocados aus Kenia gehen für 99 Cents das Stück weg. Die jüngsten Turbulenzen am Agrarmarkt haben auf die Händlerregale noch nicht durchgeschlagen. Otto Normalverbraucher nimmt die Preisexplosionen der vergangenen Wochen an den Terminmärkten kaum wahr: Mais ist um ein Drittel teurer geworden, Weizen kostet glatt die Hälfte mehr, Orangensaft springt an einem einzigen Tag um ein Fünftel. Allerdings liegen die Notierungen für Agrarohstoffe trotz der Zuckungen nach oben immer noch nahe der historischen Tiefstpreise.

Jetzt wird es eng bei Weizen und Co. Dürren und Ernteausfälle in Amerika, Australien und anderen Ländern drücken das Angebot. Gut ins Bild passt die Schreckensmeldung der US-Regierung aus der vergangenen Woche: Die nächste Orangenernte in Florida wird die geringste in 17 Jahren sein. Tiefe Temperaturen und Hurrikan-Nachwehen machen den Südfrüchten zu schaffen. Die Klimakatastrophe lässt schön grüßen.

Als wären die Witterungsschäden nicht genug, treiben auch noch Rohstoffengpässe die Preise für einige Agrargüter. Die Vorräte an fossilen Energieträgern gehen zur Neige, meinen Wissenschaftler. Der Run auf alternative Ressourcen hat längst eingesetzt. Biosprit macht Furore. Brasilien und die USA übernehmen eine Vorreiterrolle. Aber Ethanol, so der Fachjargon, wird aus Mais, Weizen oder Zucker gemacht. So steigt energiebedingt der Bedarf an nachwachsenden Ressourcen. In Zukunft dürfte daher eine zunächst kurios klingende Frage öfter gestellt werden: Wollen wir unseren Weizen lieber essen oder mit ihm Auto fahren?

Unabhängig von der Antwort auf die Frage müssten die Preise für Agrarrohstoffe ihre gerade begonnene Klettertour fortsetzen. Bekannte Geldverwalter wie der Schweizer Marc Faber in Hongkong empfehlen den Einstieg. Die Werbetrommel rührt auch der renommierte New Yorker Investor Jim Rogers, der bereits am Stimmungstief für Rohstoffe vor fast einem Jahrzehnt das Comeback dieser Anlageform voraussagte.

Wenn die Preise richtig zu klettern beginnen, werden auch die Verbraucher ins Grübeln kommen. Beim erwähnten Rewe kostet das Kilo Müsli (Marke „Fit und aktiv“) momentan noch 1,15 Euro. Mit Geiz-ist-Geil-Preisen könnte es aber bald vorbei sein. Und beim Auto fahren heißt es Abschied nehmen vom kuscheligen „Tiger im Tank“. Der Tiger der Zukunft liegt heute noch als ein vor Weizen strotzender Energie-Riegel im Regal. Morgen wird er Super sein.

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