Alte Börsenregeln helfen Anlegern bei ihrer Entscheidung nur selten weiter
Von Weisheit und Wahrheit

Nur noch gut zwei Wochen, dann kommt der Mai. Für Aktienkäufer heißt das Koffer packen und nichts wie weg von der Börse.

DÜSSELDORF Zumindest dann, wenn man einer alten Börsenweisheit glaubt: „Sell in May and go away“, lautet diese und rät Anlegern, ihre Positionen im Wonnemonat abzustoßen. Die Idee hinter der Empfehlung ist eine ganz einfache. Im Mai beginnt weltweit die Haupturlaubszeit und mit dieser kehrt auch am Aktienmarkt Ruhe ein. Größere Kursbewegungen sind während der Sommermonate daher die Ausnahme.

Historische Daten beweisen denn auch, dass der Sommer in den vergangenen Jahren für Aktionäre häufig ziemlich mau war. 2003 hingegen irrte das Orakel: Anleger, die sich zwischen Mai und August tatsächlich zurückzogen, verpassten kräftige Kurssteigerungen. Der Deutsche Aktienindex etwa legte in dieser Zeit um mehr als 18 Prozent zu.

Ausnahmen bestätigen die Regeln, könnte man meinen. Vielleicht werden aber auch gerade die Ausnahmen zur Regel. Denn nicht jede überlieferte Börsenweisheit lässt sich ohne weiteres für die Ewigkeit festschreiben. Die These vom langweiligen Börsen-Sommer etwa gerät mit der stetig steigenden Professionalisierung der Marktteilnehmer ins Wanken. Zum einen sind gerade die umsatzschwächeren Monate ein gefundenes Fressen für Spekulanten wie Hedge-Fonds, die dann schon mit kleineren Orders Kurse bewegen können. Andererseits erlaubt der technische Fortschritt schon längst den Zugang zum Aktienhandel zu jeder Zeit und von jedem Ort – sogar aus dem Urlaubsdomizil.

Auch andere Börsenweisheiten führen den Anleger zuweilen in die Irre. „Aktien sind nie zu teuer, um sie zu kaufen und nie zu billig, um sie zu verkaufen“, heißt es etwa. Dahinter steckt zwar die harmlose Grundidee, dass Anleger eine Aktie, von der sie hundertprozentig überzeugt sind, auch dann ruhig kaufen sollten, wenn der Kurs nicht mehr niedrig ist. In den Ohren derjenigen, die sich am Neuen Markt die Finger verbrannt haben oder von Telekom-Aktionären, die für die dritte Tranche von T-Aktien 66 Euro bezahlt haben, klingt dies dennoch wie blanker Hohn

.

Auffällig ist, dass die meisten Faustregeln den Anleger eher optimistisch stimmen und ihn zu Käufen verleiten. Der Nutzen von Aussagen wie „An der Börse kann man 1 000 Prozent gewinnen, aber nur 100 Prozent verlieren“, ist aber zumindest fraglich. Anders verhält es sich mit den wenigen Warnungen, die von Aktiengurus wörtlich überliefert sind: „Verliebe Dich nie in eine Aktie“ ist sicherlich eine der wichtigsten Grundregeln für jeden Investor. Und auch der Hinweis, dass Gewinnmitnahmen noch keinem geschadet haben, sollte in jedem Kopf fest verankert sein.

Unter dem Strich steht die Erkenntnis, dass „die Börse immer Recht“ hat, Börsenweisheiten hingegen häufig nicht. Auch André Kostolany wandte sich einst indirekt gegen eine Regelhörigkeit: „Wer nicht fähig ist, selber eine Meinung zu bilden und eine Entscheidung zu treffen, darf nicht zur Börse“, sagte der Anlageguru. Und dem ist nichts hinzuzufügen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%