Bulle & Bär
China: Die Mär vom Olympiaeffekt

Von wegen Olympia-Rally! 46 Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking zeigen die chinesischen Börsen ein deprimierendes Bild. Seit Monaten kennen die Aktienkurse nur noch den Rückwärtsgang. Im Vergleich zum Jahresanfang hat der CSI-Index, der die 300 größten in Schanghai und Shenzhen gelisteten Firmen umfasst, die Hälfte seines Wertes eingebüßt.

FRANKFURT. Zugegeben, richtig überraschen kann der Rückschlag nicht. Zu rasant waren die Kurse in China in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. Und an Warnungen vor einem Platzen der Blase hat es auch nicht gemangelt. Andererseits wurden viele Anlageexperten über Monate nicht müde, die kurzfristig guten Perspektiven in China hervorzuheben. Die Regierung in Peking werde schon dafür sorgen, dass die Jubelstimmung an der Börse zumindest bis zu den Olympischen Spielen anhält, begründeten die Optimisten ihre Haltung.

Für Anleger, die im Vertrauen darauf dem Werben der Finanzindustrie erlegen sind und noch kürzlich einen China-Fonds oder ein China-Zertifikat gekauft haben, ist die tatsächliche Börsen-Entwicklung bitter. Gleichzeitig liefert sie aber ein wichtiges Lehrstück: Zeigt der Einbruch in China doch vorzüglich, wie gering der Einfluss einmaliger Sport-Events auf die Börsen ist. Und entlarvt damit den von Banken viel zitierten Kurseffekt dieser Großereignisse als bloße Verkaufsstrategie.

Eine große Erkenntnis ist das freilich nicht. Ein Blick auf die beeindruckenden Fortschritte der chinesischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren genügt um zu erkennen, dass die Olympischen Spiele bestenfalls ein Mosaiksteinchen im ökonomischen Gesamtbild sein können. Vor dem Hintergrund des gigantischen Investitionsplans der Regierung, der China über Jahrzehnte zu einer führenden Wirtschaftsnation machen soll, erscheinen die Ausgaben für Olympia wie ein Taschengeld.

Umgekehrt ist genau so einleuchtend, dass ein Sportereignis gleich welcher Größe, kaum dazu beitragen kann, ökonomische Probleme wie die ausufernde Inflation in China in den Griff zu bekommen. Entsprechend laufen sämtliche Hoffnungen, die Aktienkurse in China könnten sich mit Hilfe des Olympia-Fiebers dem derzeit problematischen Makro-Umfeld entziehen, zwangsläufig ins Leere.

Was nun für Olympia in China richtig ist, kann für Sportevents in anderen Regionen nicht falsch sein. Anleger sollten das beachten, wenn ihnen von den Banken jetzt schon Finanzprodukte ans Herz gelegt werden, die auf die Gewinner der Fußball-WM 2010 in Südafrika oder der Olympischen Sommerspiele in London 2012 setzen. Wer in Aktien aus Südafrika oder Großbritannien investieren möchte, sollte das - wie überall anders auf der Welt auch - nur dann tun, wenn er von den ökonomischen Perspektiven der jeweiligen Region überzeugt ist. Wer sein Geld hingegen in der bloßen Hoffnung auf einen WM- oder Olympiaeffekt anlegt, darf sich über Verluste anschließend nicht wundern.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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