Bulle & Bär
Commerzbank: Vernichtendes Urteil

Die Aktionäre der Commerzbank sind nicht zu beneiden. Was haben sie nicht alles mitgemacht: Im Sommer 2007 kostete die Aktie noch mehr als 37 Euro. Ein fast fantastischer Preis, wenn man bedenkt, was in der Folge passierte.

FRANKFURT. Kaum hatten die Anleger das Wort „Subprime“ kennengelernt, mussten sie erfahren, dass es um Deutschlands zweitgrößte Bank nicht besonders gut steht. Als eine der ersten der privaten Banken will die Commerzbank unter den Schutzschirm des Staates flüchten. An der Börse stürzte die Aktie ab – sie war zuletzt nur noch knapp sieben Euro wert.

Doch es könnte noch schlimmer kommen. Wenn die Commerzbank wie geplant die Dresdner Bank im Januar schluckt, droht der nächste Schlag. Zwei schwächelnde Banken sind nicht allein deshalb stärker, weil sie sich zusammen schließen. Im Gegenteil: Sie sind gemeinsam noch schwächer.

So sieht es einer, der genau gerechnet hat. Carsten Werle, Analyst von Sal. Oppenheim, hat sich die Mühe gemacht, die Bilanzen von Commerzbank und Dresdner Bank übereinanderzulegen. Und siehe da: Durch die Fusion komme ein ganzer Haufen an Risiken zusammen, meint der Analyst. Das neu entstehende Institut sei besonders im Kreditgeschäft anfällig. Zusammengenommen hätten beide Banken etwa 462 Mrd. Euro an Krediten in den Büchern.

Das Probleme daran: Wenn die Rezession wirklich so heftig ausfällt wie erwartet, wird manches Unternehmen seine Kredite nicht zurückzahlen können. Bitter für die Bank, weil dann hohe Abschreibungen drohen.

Die Fusion von Coba und Dresdner kommt zum völlig falschen Zeitpunkt – davon ist der Analyst überzeugt. Auch die vereinbarte, zusätzliche Barzahlung von 1,65 Mrd. Euro an die Allianz sieht er kritisch. Dadurch beschleunigt sich zwar die Übernahme, gleichzeitig dürfte aber die Kernkapitalquote der Commerzbank auf rund acht Prozent sinken. Ein schwacher Wert im internationalen Vergleich. Eigentlich ist eine Quote von acht Prozent mindestens nötig, um überhaupt Geld aus dem staatlichen Stabilisierungsfonds zu erhalten.

Was das alles für die Aktie bedeutet: Werle fällt ein vernichtendes Urteil. Er senkt das Kursziel von elf auf zwei Euro. Ein Ramschpreis. An eine schnelle Erholung glaubt Werle nicht. Er rät, die Aktie zu verkaufen.

Analysten haben sich in den vergangenen Monaten manchen Vorwurf gefallen lassen müssen. Sie verschliefen den Absturz an den Börsen. Selbst als die Kurse schon im Keller waren, träumten manche noch von völlig überzogenen Gewinnschätzungen. Manche sind jetzt noch nicht aufgewacht. JP Morgan liegt am oberen Ende der Schätzungen für die Commerzbank. Die Amerikaner rechnen immer noch mit einem Kursziel von 27,14 Euro.

Um so wichtiger ist, dass jetzt einer genau hingeschaut hat – und mutig genug ist, seine Meinung öffentlich zu machen. Die leidgeprüften Anleger werden es ihm danken. Sie wollen endlich wissen, woran sie sind.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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