Bulle & Bär
Das Desaster: God, Gold, Government

Es sind die ultimativen Zufluchtsorte in der großen Krise: das Gebet, die Edelmetalle, und Vater Staat. Börsianerseelen suchen die Nähe zu Gott, sehr misstrauische Anleger Gold, absolute Sicherheit suchende Zins-Liebhaber retten sich in Staatsbonds. Angelsachsen können sich über die Alliteration freuen: God, Gold, Government.

FRANKFURT. Freude an Wortspielen ersetzt allerdings nicht den Anlageerfolg. Und beim Blick auf ihre Aktienbestände werden die meisten Börsianer erschrecken. Das ist noch nicht alles. Praktisch alle Kapitalmärkte präsentieren sich beängstigend instabil - trotz der Zinssenkungen am Mittwoch. Was vor etwas über einem Jahr als Krise schlechter Hypotheken in der Neuen Welt begann, scheint nun die gesamte Finanzwelt verschlingen zu wollen. Teile des Kreditsystems sind einfach ausgelöscht. "Kredit" kommt aus dem Lateinischen und leitet sich von "Vertrauen" ab. Genau das ist abhanden gekommen.

Die Eskalation der Krise lässt Schlimmes ahnen. Rettungspakete der Regierungen haben kein Vertrauen geschaffen, die Aktien sind weiter gestürzt. Aber das ist noch nicht alles: Bei der Welle an Banken-Schieflagen ist kein Ende absehbar; und die absehbare Konjunkturabschwächung bis hin zur Rezession ist in den Börsenkursen noch nicht enthalten.

Wichtige Indikatoren deuten auf einen scharfen Einbruch des internationalen Handels und der Wirtschaften. Eine gute Messlatte ist der Frachtratenindex, der die Preise für den Containertransport auf wichtigen Schifffahrtsrouten abbildet. Der Index hat sich binnen fünf Monate glatt geviertelt. Bald werden die Aktienanalysten ihre zu hohen Gewinnschätzungen abschmelzen. Dann dürften Aktien neue Tiefpunkte ausloten - auch wenn nach den Crash-Tagen eine Verschnaufpause überfällig ist. Skeptiker holen sich Rückendeckung vom renommierten Analysten Albert Edwards. Der Querdenker von der Société Générale erwartet noch eine glatte Kurshalbierung an der Wall Street.

Kein Wunder, wenn den Anlegern Sicherheit über alles geht. Der Run auf Staatspapiere erreicht völlig neue Dimensionen. Es sind Angstkäufe. Aber für die kommenden Monate scheint es keine Alternative zu geben. Edwards übrigens sieht die Renditen der US-Titel von jetzt dreieinhalb auf unter zwei Prozent stürzen. Das erscheint kühn, reflektiert aber nur die erwartete harte Rezession. Globalisierung hieße dann: Europa und der Rest der Welt würden im Kielwasser schwimmen.

In der Flut von Desastermeldungen über Kursstürze und Bankenpleiten denken manche Bürger schon gar nicht mehr an die Börse. Einige erinnern sich an die Nachkriegszeit und entwickeln ganz eigene Überlebensstrategien. So wie der Rentner aus einem Frankfurter Vorort, der endlich eine Bestimmung für sein brach liegendes Grundstück gefunden hat. Hier will der alte Herr wieder Kartoffeln und Tabak pflanzen - wie damals.

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