Bulle & Bär
Der Zins - ein Fall für den Psychiater

Der Zins ist nicht mehr gesund. Als Entgelt für das Überlassen von Kapital war er gedacht. Das war einmal. Heute ist alles anders. Warum uns die Welt der Zinsen verwirrt zurücklässt.
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FrankfurtDer Zins ist verhaltensgestört, ein Fall für den Psychiater. Wenn Anleger freiwillig eine Bundesanleihe mit einer jährlichen Rendite von mickrigen 0,7 Prozent kaufen, ist das kaum zu verstehen. Bei noch kürzeren Laufzeiten kreisen die Effektivverzinsungen knapp über der Null. Heute ist Zins eben etwas anders als früher. Er ist in Zeiten der Schuldenexzesse und drohender Staatspleiten ein Spiegel der Kreditwürdigkeit.

Deutschland gilt als kreditwürdig. Bonität ist das neue Maß aller Dinge. Deshalb erleben wir einen Run auf alle Werte, die als erstklassig in diesem Sinne angesehen werden. Leider dünnt die Palette aus. So verteilen sich die Kapitalströme auf immer weniger Zielobjekte. Bei den Staatsanleihen sind Deutschland und die USA sowie einige kleinere Länder heiß begehrt. Ein positiver Run kann beiden Ländern nur recht sein. So kollabieren sie nicht unter der Last der Zinszahlungen.

Aber es gibt Ausnahmen. Unser Nachbar Schweiz ächzt unter dem einfließenden Geld und wehrt sich dagegen mit allen Mitteln. Der Franken wertet massiv auf und macht der Exportwirtschaft dadurch Probleme.

Einige Aktien sind sicherer als so manche Staatsanleihe

Wie verwirrt die Zinswelt derzeit ist, lässt sich am Beispiel Schweiz gut studieren. Schweizerische Anleihen mit zwei Jahren Laufzeit haben mittlerweile eine Minusrendite. In Zahlen: -0,2 Prozent. Voller Überzeugung gibt der Anleger sein Geld, wohl wissend, dass er am Ende der Laufzeit weniger zurückerhält. Er bekommt also nicht nur keinen Zins, sondern verliert auch noch. Das ist nicht normal.

Ein sicherer Verlust ist der Preis der Sicherheit. Es ist genauer gesagt der Preis, den Anleger für eine vermutete Sicherheit zu zahlen bereit sind. Am Anleihemarkt sind sie bereit, viel zu zahlen beziehungsweise zu verzichten. Von Aktien dagegen wollen sie nichts wissen. Allein in den vergangenen Wochen sind deutsche Titel, gemessen am Dax, um ein Viertel billiger geworden.

Verkehrte Welt: Anleger verkaufen Aktien. Doch einige Unternehmen sind gesünder als manche Staaten. Das gilt zumindest dann, wenn man den gleichen Maßstab wie bei Staatsanleihen anlegt: Bonität und Überlebensfähigkeit. Wer beispielsweise wählen müsste zwischen einer griechischen Anleihe und einer Coca-Cola-Aktie: Wie würde er entscheiden? Eine rhetorische Frage.

Kommentare zu " Bulle & Bär: Der Zins - ein Fall für den Psychiater"

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  • 'Der Besitzer von Kapital kann Zinsen erhalten, weil das Kapital knapp ist' - theoretisch kann man das so betrachten, um Preismodelle zu verfolgen aber ursächlich ist das Unsinn.

    Land kostet eine Pacht, weil der Pächter damit Gewinne erwirtschaften will (sollte) und der Eigentümer einen Anteil des Gewinns, als Nutzungsentgeld, für sich beansprucht. Dabei ergibt sich für den Eigentümer der komfortable Zustand, dass er kein oder kaum Risiko trägt.

    Dass der Pachtzins steigt, wenn das Geschäft funktioniert und das Land knapp ist, ist nicht die Ursache sondern die Folge des Handelns.

    So sind auch Zinsen ursächlich zu betrachten. Dass dann viele Folgeinteressen ins Spiel kommen, die der Geldmarktpolitik Steuerungsmotive liefern, ist auch Folge - nicht Ursache.

  • "Handelsblatt-Redakteur Ingo Narat versteht die Welt der Zinsen nicht mehr."
    Hmm, es liest sich leider so, als hätte er ihn noch nie hinterfragt.

    "Als Entgelt für das Überlassen von Kapital war er gedacht"
    Nicht ganz. Der Zins ergibt sich aus der Knappheit des Geldes und gibt den Wert des Geldes an. Er steuert das Geldmengrenwachstum und die Macht des Kapitalisten sozusagen. Wenn nun aber viel zu viel Kapital vorhanden ist (durch Zins, Zinseszins und Geldschöpfung), dann muss der Zins sinken. Wenn wir dann auch noch in einer Zeit der Kapitalsicherung und nicht Vermehrung stecken, sind doch -0.2 % nicht schlecht.

    John Maynard Keynes:
    “Eine Erhöhung des Zinsfußes als ein Heilmittel für den Zustand, der sich aus einer verlängerten Periode abnorm beträchtlicher Neuinvestition ergibt (Vollbeschäftigung, Verminderung der Kapitalnachfrage) gehört zu den Heilmitteln, welche die Krankheit heilen, indem sie den Patienten töten.“

    »Es ist sicher, daß die Welt die Arbeitslosigkeit ... nicht länger dulden wird. Ich bin überzeugt, daß . . . es nicht schwierig wäre, den Bestand an Kapital bis auf einen Punkt zu vermehren, auf dem seine Grenzleistungsfähigkeit (Rentabilität) auf einen sehr niedrigen Stand gefallen wäre . . . Dieser Zustand würde . . . den sanften Tod des (Kapital-) Rentners bedeuten und folglich den sanften Tod der sich steigernden Unterdrückungsmacht des Kapitalisten, den Knappheitswert des Kapitals ausbeuten . . . Der Besitzer von Kapital kann Zinsen erhalten, weil das Kapital knapp ist, gerade wie der Besitzer von Land einen Pachtzins erhalten kann, weil das Land knapp ist. Aber während Gründe für die Knappheit von Land bestehen mögen, bestehen an sich keine Gründe für die Knappheit des Kapitals ... Ich betrachte daher die Rentnerseite des Kapitalismus als vorübergehende Phase, die verschwinden wird, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben wird. Und mit dem Verschwinden der Rentnerseite wird noch vieles andere einen Gezeitenwechsel erfahren.

  • Trotz ihres VWL Studiums Herr Narat, verstehen sie wie der Vorredner bereits richtig anmerkt, nicht nur die Welt der Zinsen nicht...Griechenland könnte unter Umständen ja auch eine höhere Rendite als Coca Cola liefern.

    Machen Sie bitte etwas anderes, ich erwarte etwas mehr Substanz vom Handelsblatt. (die ständigen Artikel von Vermögensverwaltern, die auf aktive Fonds und auf Aktien in der beschissensten Lage schwören, um ihren Umsatz zu steigern, nerven auch allmählich!)

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