Bulle & Bär
Deutsche Börse macht ratlos

Analysten sind auch nur Menschen. Und wenn die Politik und undurchsichtig agierende Hedge-Fonds ins Spiel kommen, dann stochern auch sie nur noch im Nebel herum. Kaum etwas zeigt dies deutlicher als das seit Jahren anhaltende Hin und Her um die Deutsche Börse.

HB FRANKFURT. Unzählige bekannt gewordene und noch mehr geheim gebliebene Fusionsversuche hat es seit deren Börsengang im Jahr 2001 gegeben. 2005 schien dann der Durchbruch mit den Angebot für die Londoner Börse (LSE) nahe, als der Plan jäh von Hedge-Fonds torpediert wurde. Die Führung der Frankfurter Börse wurde in die Wüste geschickt. Auf Druck der Fonds stand fortan die Pariser Euronext im Fokus, mal als Partner der Frankfurter in einer Allianz, mal als Übernahmeziel. Einzige Konstanten in dem Spiel waren ein ständig steigender Kurs aller Börsenaktien und die Mehrheitsmeinung der Experten: „Fundamental völlig überbewertet. Die politischen und regulatorischen Widerstände gegen eine Fusion sind viel zu stark“.

Wie gesagt, die Kursentwicklung sprach eine andere Sprache. Als die Frankfurter Börse im Dezember 2004 zur Übernahme der LSE blies, lag der Kurs bei 42 Euro, heute sind es 115 Euro. Der Grund: Die Spekulation nährte die Spekulation. Den Analysten – gewohnt aufwendige Modelle zur Berechnung des fairen Wertes einer Aktien zu pflegen – blieb nichts anderes übrig als widerstrebend ihre Kursziele nach und nach der Realität anzupassen.

Das Angebot der US-Technologiebörse Nasdaq für die Londoner Börse setzte dem Ganzen die Krone auf. Es brachte einen erneuten Kursschub von 30 Prozent bei der LSE-Aktie und die Experten an den Rande der Verzweiflung. „Das hat mit Fundamentalanalyse nichts mehr zu tun. Ich würden am liebsten ’Halten’ auf die nächste Studie schreiben und meinen Kunden sagen: Ich weiß es auch nicht“, so der genervte Wertpapierexperte eines angesehenen Kreditinstituts.

Unter dem Strich ist das wahrscheinlich die ehrlichste Haltung, auch wenn Analysten nicht dafür bezahlt werden, keine Meinung zu haben. Niemand kann auch nur annähernd sicher abschätzen, was mit der Deutschen Börse in naher Zukunft passiert. Sicher, im Moment stehen die Zeichen gut für eine Fusion mit der Euronext. Schließlich stehen die US-Börsen drohend bereit, um sich mit frischem Geld aus ihren eigenen Börsengängen in Europa einzukaufen.

Aber ist die Kombination aus Paris und Frankfurt angesichts des französischen Protektionismus wahrscheinlich? Wie groß ist die Gefahr, dass die Hedge-Fonds demnächst ihre immensen Buchgewinne realisieren und die Aktienkurse zusammenbrechen? Oder jagen sie erneut die unbotmäßige Führung einer Börse vom Hof? Eine Gleichung mit zu vielen Variablen. Das Geschehen ist spannend zu beobachten und ein interessanter Lesestoff. Anlageempfehlungen möchte man da aber wohl kaum geben müssen.

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