Bulle & Bär
Diagnose: SIV positiv

Es ist einiges durcheinander geraten in der Finanzwelt. Auf Renditejagd überdehnten Firmenchefs ihre Risiko-Engagements in hypothekenbesicherten und ähnlichen strukturierten Papieren. Investoren wie die IKB bündelten diese Anlagepositionen in außerbilanziellen Zweckgesellschaften, den Structured Investment Vehicles, kurz SIV. Genau die sind jetzt in Schieflage.

FRANKFURT. Es geht Schlag auf Schlag: Immer mehr Finanzhäuser rutschen in die Krise rund um die schlechten US-Hypothekenkredite. Mittlerweile wird die Crème de la Crème der internationalen Finanzwelt abgewatscht. Dickfische wie Merrill Lynch und Citigroup wanken, feine schweizerische Adressen wie Credit Suisse haben zumindest ein blaues Auge.

Die Anleger blicken erschrocken auf die trudelnden Kurse der Finanzaktien - wenn sie denn nicht rechtzeitig mit den ersten Warnsignalen verkauft haben. Leidende Aktionäre müssen sich auch noch über exorbitante Abfindungen der geschassten Firmenchefs ärgern. Wer versagt hat, der bekommt ein dickes Abschiedsgeld. Als vorerst letzten Frontmann erwischte es Chuck Prince von der Citigroup. Seinen Kollegen zufolge soll er gesagt haben, er würde sich für ein Schmerzensgeld von 40 Millionen Dollar sogar in ein Schwert stürzen.

Es ist einiges durcheinander geraten in der Finanzwelt. Auf Renditejagd überdehnten Firmenchefs ihre Risiko-Engagements in hypothekenbesicherten und ähnlichen strukturierten Papieren. Investoren wie die IKB bündelten diese Anlagepositionen in außerbilanziellen Zweckgesellschaften, den inzwischen zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten Structured Investment Vehicles, kurz SIV. Genau die sind jetzt in Schieflage: Für deren risikoreiche Anlagebestände interessiert sich derzeit kaum noch jemand, und die kurzfristige Refinanzierung dieser illiquiden Bestände ist kaum mehr möglich. Hier droht noch Ungemach: Im nächsten halben Jahr werden weitere kurzfristige Papiere im Gesamtvolumen von 900 Milliarden Dollar fällig und warten auf Refinanzierung. Das schätzt der Ökonom Eberhard Unger und liefert aus Investorensicht eine Lagebeurteilung in bester Medizinersprache mit: SIV positiv.

Der amerikanische Hypothekenmarkt, Kern allen Übels, dürfte weiter abwärts driften. Schon jetzt haben sich in vielen Bundesstaaten die Zwangsliquidationen von Häusern binnen Jahresfrist verdreifacht. Laut einem Parlamentsbericht dürften zwei Millionen Hausfinanzierungen in den nächsten eineinhalb Jahren in die Brüche gehen. Die große Umschuldungswelle bei den heiklen Hypotheken von einem niedrigen auf hohen Kapitaldienst steht noch bevor. Das können viele betroffene Hausbesitzer kaum überstehen, ihnen fehlt schlicht der Notgroschen. Für die auf Hypothekenforderungen aufbauenden Anleihepapiere ist daher keine Entlastung absehbar.

Börsianer werden deshalb Finanzwerte und insbesondere Bankentitel meiden. Wer ein Schnäppchen machen will, kann auf tiefere Kurse warten. Ganz Mutige wagen vielleicht sogar eine offensive Wette auf fallende Kurse. Dafür bieten sich Put-Optionen auf die Aktien von Investmentbanken oder anderen Kreditinstituten an. Aber bitte nur mit Spielgeld einsteigen. Denn wenn die Wette schief geht, gibt es keine millionenschwere Abfindung wie für Prince & Co.

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