Bulle & Bär
Finanzmärkte: Worte für die Krise

Was sind eigentlich Obduktionsscheine? Diese Frage stellte jüngst ein Privatanleger der Handelsblatt-Redaktion. Gemeint sind natürlich Optionsscheine - zugegebenermaßen ein sehr spezielles Segment der Geldanlage. Aber Kommunikationsprobleme gibt es auch bei einem weit brisanteren Kapitalmarktthema: der Kreditkrise.

FRANKFURT. Es ist das Top-Thema für Börsianer. Doch Otto Normalverbraucher begreift kaum, worum es geht. Er versteht es einfach nicht. Und oft hilft ihm auch keiner, denn kaum jemand kann es ihm erklären. Viele Deutsche nehmen deshalb nicht wahr, wie es hinter den Fassaden des globalen Finanzsystems bröckelt.

Sicher, Bankenpleiten in den USA oder der Absturz einer IKB machen Schlagzeilen. Und diese Meldungen schaffen es auch bis in die öffentlich-rechtlichen Medien. Aber dadurch bekommt Otto Normalverbraucher noch lange keine Vorstellung von der Brisanz des Geschehens.

Das liegt teilweise daran, dass das Thema sehr komplex ist. Die Kreditkrise entzieht sich einer einfachen Beschreibung. Das beginnt schon bei den kryptischen Kürzeln für die verseuchten Anlagepapiere: ABS, CDO, CLO, MBS und neuerdings ARS. Das hört sich zunächst an wie die Abkürzungen für chemische Produkte. Doch hinter den Buchstaben-Kombinationen verbergen sich komplizierte Investmentprodukte, die selbst Profis kaum verstehen und die mit ihrer Havarie einen Blick in den Abgrund geöffnet haben.

Hohe Verständnisbarrieren sind die eine Sache, mangelnde Erklärungen eine andere. Manche Experten übertrumpfen sich in verquasten Kommentaren, die einem breiten Publikum unverständlich bleiben. Sprachforscher und Kabarettisten sind dagegen erheitert über die Entgleisungen geladener Gäste in spezialisierten Börsensendern. Den Vogel schoss letztens ein Interview-Gast ab, der es als "Relief" empfindet, dass die US-Notenbank Fed die beiden großen Hypothekengesellschaften Fannie Mae und Freddie Mac "rausgebailed" hat. Zu deutsch: Er ist erleichtert über den "bailout", die staatlichen Rettungsgarantien.

So etwas wäre in öffentlich-rechtlichen Kanälen wohl undenkbar. Dafür trifft der Zuschauer gelegentlich auf Verharmlosungen, die es ebenfalls an Aufklärung vermissen lassen. So erwähnt ein Kommentator die IKB-Pleite und lächelt sogar in jedes Wohnzimmer, als er mit einem Satz die daran hängende Belastung beziffert. Allein der Absturz der Mittelstandsbank kostet jeden Bürger 100 Euro an Steuergeldern. Der Kreditkrise fehlt also jede Heiterkeitskomponente.

Wenn die schwelende Krise bisher eines gelehrt hat, dann: Einer vorsichtigen Anlagepolitik und transparenten Produkten gehört die Zukunft, Risiko und Komplexität haben dagegen an Attraktivität verloren. Sprachjongleure an den Börsen würden sagen, sie sind Vorsicht long und Komplexität short. Aber es geht auch in ganz einfachen deutschen Worten: Kaufe nur, was du verstehst. narat@handelsblatt.com

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