Bulle & Bär
Prognosen: „Comical Ali“ an der Börse

Erinnern Sie sich noch an „Comical Ali“? Wer die Börsenwelt der vergangenen Wochen verfolgt, fühlt sich an die skurrilen Auftritte des irakischen Propagandaministers erinnert. Denn die Lautsprecher der Finanzbranche haben lange Zeit und in regelmäßigen Abständen das Ende der Krise ausgerufen – und jedesmal wurde es noch schlimmer.

C. SCHNELL | FRANKFURT

Erinnern Sie sich noch an "Comical Ali"? Richtig, der Mann, der eigentlich Mohammed al Sahaf hieß, war irakischer Propaganda-Minister im Regime von Saddam Hussein, als die Amerikaner im Jahr 2003 ins Land einmarschierten. Vor den laufenden Kameras der Weltöffentlichkeit leugnete er die Anwesenheit der US-Boys auch dann noch, als sie ihm fast schon über die Füße stolperten.

Wer die Börsenwelt der vergangenen Wochen verfolgt, fühlt sich unweigerlich an die skurrilen Auftritte von "Comical Ali" erinnert. Denn die Lautsprecher der Branche wie Analysten, Vermögensverwalter und Fondsmanager haben lange Zeit und in regelmäßigen Abständen die Wende zum Guten und das Ende der Krise ausgerufen. Anschließend wurde es jedesmal noch schlimmer. Das ging seit Jahresanfang bis vor wenigen Wochen so. Erst seitdem die Lage ganz schlimm aussieht und das gesamte Finanzsystem beinahe vor dem Kollaps stand, schwenken viele um und malen nun die Stimmung oft grauer als sie ist.

Ob eine späte Einsicht besser ist als gar keine, darüber ließe sich nun trefflich streiten. Tatsache ist indes, dass die meisten Experten bei Aktien und Derivaten, bei Öl und dem Euro-/Dollar-Verhältnis stets erst dann mit radikalen Strategieschwenks um die Ecke kamen, als der Markt selber schon mitten im Umschwenken war.

Erwartet hätte man von Seiten der Anlegerschaft indes, von den Experten nicht erst dann darauf hingewiesen zu werden, wenn es der Laie selbst längst (schmerzlich) gemerkt hat.

Das ist indes keine neue Erfahrung der aktuellen Krise. Auch aus anderen historischen Schwächephasen an den Börsen sind die Durchhalteparolen bis an den Punkt, als es nicht mehr anders ging, noch bestens in Erinnerung. Die "Comical Alis" der Börse, die mit später Einsicht rechtfertigten, warum Entwicklungen wie diese gerade nicht vorhersehbar waren, sind somit kein Phänomen des Jahres 2008.

Die Konsequenz für viele Anleger kann wieder einmal nur heißen, sich auf das eigene Bauchgefühl, die eigene Nase und vor allem das eigene Gehirn zu verlassen.

Wer beispielsweise schon mal in Deutschland eine Immobilie erworben hat und sich dabei durch all die bürokratisch anmutenden Anforderungen der Banken gekämpft hat, der weiß, dass es im Gegensatz zu den USA ohne Eigenkapital und ein regelmäßiges Einkommen kaum geht. Und wer regelmäßig zur Tankstelle muss, der wird beim nächsten Autokauf sicher nicht zu einem Hersteller laufen, der vor allem Spritfresser im Sortiment hat. Vieles hätte sich also sehen lassen und ließe sich noch sehen.

Eine wesentliche Konsequenz der Finanzkrise wird sein, dass Anleger wieder Eigenverantwortung übernehmen müssen und sich nicht nur auf Experten verlassen, wenn sie Geld anlegen. Und dass sie informiert sind und ein eigenes Bild über künftige Entwicklungen haben sollten.

schnell@handelsblatt.com

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