Bulle & Bär
Rechenspiele sollen Griechenland den Schrecken nehmen

Die griechische Regierung dementiert zwar stets, dass sie eine Umschuldung plant, doch die Angst der Anleger überwiegt derzeit noch. Mit einem mathematischen Kniff will die niederländische Großbank ING die Investoren nun beruhigen.
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FrankfurtDer griechische Philosoph Plato schätzte die Mathematik, da sie dazu diene, gemeinsames Wissen zu erlangen, das in jeder Wissenschaft und Technik beachtet werden müsse. Die niederländische Großbank ING hat jetzt die Mathematik genutzt, um Investoren den Schrecken vor einer Umschuldung Griechenlands zu nehmen. Sie hat ausgerechnet, dass Anleger mit vielen griechischen Anleihen auch dann nicht leer ausgehen, wenn Athen die Zins- und Tilgungszahlungen kürzt.

Die griechische Regierung dementiert zwar stets, dass sie eine Umschuldung plant. Der hohe Schuldenstand von über 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts spricht aber dagegen. Zudem muss Griechenland spätestens im nächsten Jahr wieder neue Anleihen an Investoren verkaufen. Denn die Kredite aus dem Hilfspaket, das die anderen Euro-Länder und der Internationalen Währungsfonds im vergangenen Mai geschnürt haben, reicht dann allein nicht mehr aus.

Die Kurse griechischer Anleihen sind aber schon so stark gefallen und ihre Renditen so stark gestiegen, dass sie bereits eine Umschuldung einpreisen. Wenn Athen in zwei Jahren bei allen Anleihen 30 Prozent der Zinsscheine und des Nennwerts kürzen würde, bekämen Investoren deshalb laut ING mit allen Anleihen noch positive Renditen – und zwar zwischen 2,8 Prozent für den im August 2015 fälligen Bond und 6,65 Prozent für den im März 2026 fälligen Bond. Wenn es keinen Schuldenschnitt gibt, und Anleger jetzt kaufen, bekommen sie bei diesen Anleihen Renditen von 12,7 und 9,9 Prozent.

Bei einem Schuldenschnitt um 50 Prozent würden Anleger nur mit den zwischen 2014 und 2016 fälligen Anleihen Verluste von 5,9 bis 1,2 Prozent machen. Bei längeren Laufzeiten lägen die Renditen auch nach einem solchen drastischeren Schritt noch bei 0,2 Prozent für die in Juli 2017 und 4,2 Prozent für die im September 2040 fällige Anleihe. Derzeit rentieren die Papiere mit 12,1 und 8,5 Prozent.

Zu einem Ansturm auf griechische Anleihen, werden die Berechnungen, die ING jetzt veröffentlicht hat, aber nicht führen. Denn die Simulation gilt nur für Anleger, die Bonds jetzt kaufen und bis zur Fälligkeit halten. Viele institutionelle Investoren setzen bei Anleihen aber stark auf die zwischenzeitliche Kursentwicklung. Und die Kurse dürften weiter fallen, wenn Griechenland tatsächlich eine Umschuldung anstreben würde. Zudem gibt es mit Argentinien ein Beispiel, bei dem Investoren nach der Umschuldung am Ende sogar auf 75 Prozent ihres Kapitals verzichten mussten. Die Unsicherheit bei Griechen-Bonds kann also auch die Mathematik nicht ganz vertreiben.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

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