Bulle & Bär
Western Union: Krisengewinner

Es gibt sie noch, die Gewinner im Bankendomino und der Finanzkrise. Anders ist nicht zu erklären, dass es an der Wall Street noch einen Finanzwert gibt, der mit zuletzt 25 US-Dollar gerade einmal rund zehn Prozent unter seinem Allzeithoch notiert.

DÜSSELDORF. Als Lehman Brothers vergangene Woche in die Pleite schlitterte, kletterte die Aktie von Western Union um ein halbes Prozent. Als der Versicherer AIG wackelte, gab Western Union eine Spende über 25 000 Dollar an Hurrikan-Opfer bekannt.

Wie das zusammenpasst? Ganz einfach. Der weltweite Marktführer für Geldtransfers ist schlicht in einer Win-Win-Win-Situation. Bleiben die Weltkonjunktur und besonders die Schwellenländer auf Wachstumskurs, klingeln für Western Union mit seinen 245 000 Vertriebsstandorten für Bargeldtransfers bis in das letzte afrikanische Dorf hinein die Kassen. In Asien und Afrika klettern die Umsätze von Western Union beständig zwischen 30 und 40 Prozent pro Jahr.

Brechen hingegen weitere Banken oder gar das Finanzsystem in seiner jetzigen Form zusammen, wie Pessimisten unken, wird auch das nicht zum Schaden von Western Union sein. Ist die Hausbank gestürmt und pleite, das Konto weg und der Geldautomat leer, steigt eben statt in Lagos und Luanda plötzlich in Lüneburg und Lüdenscheid der Bedarf nach sekundenschnellen Geldtransfers mit Kennwort statt mit Kontonummer. Hat etwa die Tante in Garmisch im Fall der Fälle Glück im Bankendomino, kommt zu den im Schnitt 20 Geldtransfers mit Western Union pro Sekunde im Zuge der Finanzkrise noch der ein oder andere Transfer an die Neffen hinzu.

Bleibt Win-Situation Nummer drei, die organisierte Kriminalität. Die ist bekanntlich ebenfalls ein Globalisierungsprofiteur mit hohen Wachstumsraten. Die Masche mit einer Vorkasse via Western Union für ein Superschnäppchen bei Ebay oder den Gebrauchtwagen dürfte jedenfalls auf Jahre nicht totzukriegen sein. Zumindest dann nicht, wenn - Finanzkrise hin oder her - auch künftig jeden Morgen weltweit ein paar Millionen Dumme aufstehen, die betrogen werden wollen. Die Verbraucherzentralen toben, Google kennt 160 000 Treffer für "Western Union Betrug" und selbst das Institut oder der Konkurrent Moneygram werden nicht müde zu warnen, Fremden doch bitte kein Geld zu schicken.

Apropos Fremden kein Geld schicken: Mit dem hehren Rat nahm es der Vorstand von Moneygram selbst auch nicht so genau. Statt die über Moneygram transferierten Mittel sicher anzulegen, wollte das Unternehmen die kurzen Laufzeiten nutzen, um höhere Zinsen einzustreichen - mittels Subprime-Papieren. Also genau jenen Papieren, deren Kernproblem darin besteht, dass vorne keiner so recht weiß, wem er hinten nach diversen Umverpackungen Geld leiht. Schlappe 95 Prozent Kursverlust brachte das den Moneygram-Aktionären binnen eines Jahres. Aber im Wald raucht ja auch nur der Förster.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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