Bulle und Bär
Zum Zocken verführt

Genau 41 Minuten lagen gestern zwischen zwei E-Mails, die in den Postfächern der Wirtschaftsredakteure eintrudelten. Zahlen von JP Morgan und dem Fondsverband offenbaren ein drohendes Desaster.

FRANKFURT. Immer weniger Deutsche sorgen privat für den Lebensabend vor, obwohl sie schon mit durchschnittlichen Aktienfonds akzeptable Renditen erzielen können. Warum nur dringt die drohende Verarmung im Alter kaum ins Bewusstsein? Warum flüchten die Deutschen sogar in Scharen aus Aktien und Aktienfonds, wo doch unternehmerische Beteiligung langfristig die höchste Anlageverzinsung verspricht?

Die Zahlen und Statistiken erwecken den Anschein einer freiwilligen Flucht an oder unter das Existenzminimum. Doch immerhin, mag ein Kabarettist beruhigen, gibt es noch den Staat. Der kümmert sich um seine Bürger, liebäugelt jetzt sogar mit einer Zahlungsverlängerung beim Arbeitslosengeld. Aber wenn etwas wirklich nottut, dann ist von Kümmern keine Rede mehr. Die staatliche Förderung der Altersvorsorge ist nur ein Feigenblatt, hinter dem sich Unfähigkeit und Unwilligkeit zu einer nachhaltigen Lösung verbergen. Gefördert wird nur mit ein paar Euro - und nur unter Oberaufsicht. Individuell gesteuerte Depots gelten als Teufelswerk.

Und bald kommt noch die Abgeltungsteuer obendrauf: 25 Prozent auf alles, seien es Zinsen, Dividenden - oder auch Kursgewinne. Das muss jede private Vorsorge-Initiative schon im Keim ersticken. Eine private Vorsorge, die der Staat zu jeder Gelegenheit gebetsmühlenartig immer wieder einfordert. Wer dem folgt und eigenverantwortlich Wertpapiere kauft, ist angeschmiert: Sind Kursgewinne bisher nach einjähriger Haltedauer steuerfrei, werden bei Käufen ab 2009 und anschließendem Verkauf grundsätzlich 25 Prozent fällig. Damit ist die Depotplanung für einen auskömmlichen Lebensabend Makulatur.

Wieder schlägt die Stunde des Kabarettisten: Fast scheint es, als wolle Vater Staat seine Bürger in die kollektive Armut treiben. Der neue Obolus verführt die Bürger zum Zocken, zum Heavy Trading mit hochspekulativen Papieren. Wer sich bisher schon ein Minus im Alter ausrechnen konnte, der muss die jetzt noch steigenden Fehlbeträge nun erst recht irgendwie hereinholen - das geht nur über Spekulation. Der Staat ist immer fein raus: Er kassiert bei den Gewinnern, Verlierer werden auf Harz-IV-Niveau aufgefangen.

Außer dem Abdriften in die Zockerei gibt es nur wenige Alternativen für jene, die eine Wohnsitzverlagerung scheuen. Dazu gehört das Ausweichen auf breit anlegende Investmentfonds mit guter Leistungsbilanz. Die Variante bietet zumindest den Vorteil der Steuerstundung, denn abgegolten wird erst bei Veräußerung der Anteile. Eine andere Option ist das Ausweichen auf Vermögensformen, die nicht von den 25 Prozent erfasst werden. Nur gibt es derer nicht so viele.

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