Der Realität voraus
Kleine Werte sehen den Freiverkehr als Chance

HB FRANKFURT. Nimmt da der Markt eine Entwicklung vorweg? Sieben Börsengänge gab es im bislang weitgehend unbeachteten Freiverkehrssegment der Deutschen Börse bereits in diesem Jahr, und mit dem Softwarehaus Ifa Systems steht die Nummer acht bereits vor der Tür. Die Zahl von einem Dutzend neuer Unternehmen aus dem vergangenen Jahr dürfte so mit großer Wahrscheinlichkeit übertroffen werden. Doch das von Anlegern wie Emittenten mit großer Spannung erwartete „Fenster im Freiverkehr“, das seit Wochen im Raum steht und mit dem jungen, aufstrebenden Unternehmen eine eigene Plattform gegeben werden soll, lässt weiter auf sich warten. In den nächsten ein bis zwei Wochen werde es dazu keine Entscheidung geben, hieß es gestern von der Deutschen Börse.

Am Markt selbst gibt man sich weniger geheimniskrämerisch. Guido Niemann und Christoph Reinartz, die beiden Chefs von Ifa Systems, gaben bei der Präsentation ihres Unternehmens zum Erstaunen der anwesenden Investoren, Analysten und Journalisten schon mal bekannt, dass sie die Regeln, die das neu zu schaffende Fenster vorschreibt, auf alle Fälle einhalten werden. Diese sind: Bekanntgabe eines testierten Jahresabschlusses spätestens ein halbes Jahr nach Ende des Geschäftsjahres sowie die Veröffentlichung wichtiger Unternehmensmeldungen, auch Quasi-ad-hoc-Pflicht genannt, als wichtigste Merkmale. Zusätzlich sollen ein Unternehmenskalender und ein Unternehmensprofil veröffentlicht werden. Und abschließend soll ein so genannter „Market Maker“ den Börsengang begleiten und auf die Einhaltung der Folgepflichten achten.

Damit war offiziell raus, worüber in Frankfurter Finanzkreisen bereits seit Wochen hinter vorgehaltener Hand spekuliert wurde. Da war stets von einem „reformierten Freiverkehr“ die Rede, der mit etwas strengeren Regeln für mehr Transparenz als bislang sorgen soll und dabei gleichzeitig den Start-Ups eine interessante und kostengünstige Alternative für den Gang an den Kapitalmarkt geben soll.

Endgültig vom Tisch ist damit das Gerede, dass es zu einer Neuauflage des Neuen Marktes kommen könne. Daran hatten insgeheim zwar ohnehin nur die Wenigsten gedacht. Dennoch machte der Begriff seit geraumer Zeit die Runde. Eine Re-Animation des vor über zwei Jahren eingestellten Segments stand von vornherein deswegen nicht im Raum, weil es sich damals um das strengste Börsenregelwerk weltweit gehandelt hat. Angestachelt durch den immensen Erfolg des Alternative Investment Markets (AIM) in London sollte es stattdessen eher ein Weniger an Regeln werden.

Zwei Fragen stehen nun noch im Raum: Wann wird die Deutsche Börse ihr Freiverkehrsfenster endlich vorstellen und wie wird man es künftig vermarkten? Da Gerüchten zufolge der Start im Herbst erfolgen soll, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass in den nächsten Wochen endlich Konkretes bekannt wird. Eines steht indes jetzt schon fest: Große Überraschungen wird es dabei nicht mehr geben. Viel spannender wird es im Anschluss. Bislang wurde in Deutschland lediglich eine Emission im Geregelten Markt offiziell als Börsengang gewertet. Die AIM verzeichnete hingegen sogar auch Zweitlisting und Segmentwechsel dorthin als Börsengänge. Die teilweise dreistellige Zahl von Börsengängen dort ist deshalb vor diesem Hintergrund zu relativieren.

Würde in Deutschland künftig ähnlich gezählt, so würde dies den gesamten Emissionsmarkt in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Deutschland wäre plötzlich wieder ganz vorne mit dabei in Europa. Das neue Fenster im Freiverkehr birgt also in jeder Hinsicht neue Chancen. Es müsste nur endlich kommen.

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