Hohes Risiko
Airline-Branche: Trügerische Normalität

Die Schlagzeilen um neue Terrorgefahren sowie entsprechend verschärfte Sicherheitskontrollen können den Aktien großer Fluggesellschaften kaum etwas anhaben. Ob British Airways, Lufthansa oder Europas Marktführer Air France-KLM: Knapp zwei Wochen nach den vereitelten Anschlägen von London liegen die Kurse führender Branchenvertreter sogar leicht höher als zuvor.

FRANKFURT. Das zeigt deutlich: Die Investoren haben sich an das hohe Risiko, dem Aktien aus diesem Sektor generell ausgesetzt sind, längst gewöhnt – und die Kundschaft offenbar auch. Die mutigen unter ihnen interpretieren die Tatsache, dass die Behörden eine neue Katastrophe in London verhinderten, gar als Beweis für den hohen Sicherheitsstandard im Luftverkehr.

Also „business as usual“ über den Wolken? Das wäre neu für einen Industriezweig, der den Normalzustand kaum kennt. In den vergangenen Jahren hat sich die als Geldvernichtungsmaschine verschrieene Airline-Branche vom Schock des Einbruchs seit 2001 erholt. Die Passagierzahlen stiegen dynamisch an, angeführt vom strammen Wachstum der Billigflieger, die über historisch niedrige Preise neue Kundenschichten erschlossen. Dass das Geschäft langfristig weiter wächst, vor allem in Asien, steht für nahezu alle Luftfahrtexperten außer Frage.

Warnzeichen, dass vielen Anbietern die nächste Finanzkrise droht, sind dennoch unübersehbar. So hat der jüngste Steilflug weltweit Hunderte neuer Fluggesellschaften hervorgebracht, die sich von der Billigflug-Euphorie anstecken ließen und das Problem chronischer Überkapazitäten verschärften. Auf Kurzstrecken sind es Billigflieger wie Ryanair, die allmählich ganz Europa mit immer neuen Tiefpreis-Angeboten überziehen. Dieser beinharte Verdrängungswettbewerb macht Dutzende finanzschwacher Wettbewerber, unter ihnen börsennotierte Firmen wie Alitalia Austrian Airlines oder Skyeurope zu gefährdeten Pleitekandidaten.

Aggressive Angreifer wie die Dubai-Staatslinie Emirates Airlines nehmen darüber hinaus die prestigereichen Interkontinentalstrecken ins Visier. Auch auf den Langstrecken wird der Verdrängungswettbewerb zusehends über günstigere Ticketpreise gespielt. Weil auf der Gegenseite die Kerosinkosten stetig steigen, schreitet die Konsolidierung voran. In Deutschland hat Air Berlin gerade die klamme Lufthansa-Konkurrentin DBA übernommen, weitere Fusionen und Übernahmen werden erwartet. Die Auslese wird die Branche in wenige Gewinner und viele Verlierer teilen.

Die Gefahr, an der Börse daneben zu greifen, ist groß. Wer mit den zyklischen Schwankungen des Geschäfts leben kann und den rechtzeitigen Absprung im Auge hat, sollte auf solide unterfütterte Aktien wie Lufthansa oder Air France-KLM setzen. Und auch die Lufthansa dürfte mit ihrer starken Stellung in Europa, einem festen Standbein in Asien und hohen Finanzreserven zu den Profiteuren der Konsolidierung gehören.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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