Niedrige Renditen geben Ökonomen Rätsel auf
Das Anleihe-Enigma

Dass es Ökonomen die Sprache verschlägt, kommt nicht oft vor. Meist haben die Volkswirte auf jede Frage gleich mehrere richtige Antworten.

NEW YORK Jetzt gibt es allerdings ein Phänomen auf den Anleihemärkten rund um den Globus, vor dem selbst die Größen des Faches kapitulieren. Am deutlichsten zeigt sich das in den USA. Dort sind die Zinsen für die zehnjährigen Staatsanleihen kurzzeitig wieder unter die symbolische Marke von vier Prozent gesunken. Und das, obwohl die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) bereits sechsmal die Leitzinsen auf mittlerweile 2,5 Prozent angehoben hat.

„Ich habe dafür keine wirklich überzeugende Erklärung“, sagt Michael Mussa, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Alan Blinder, Wirtschaftsprofessor in Princeton und früher Vize-Chairman der Fed, wird noch deutlicher: „Das ist verrückt. Das macht überhaupt keinen Sinn.“ Die beiden Starökonomen befinden sich in bester Gesellschaft. Auch die Wall Street ist von dem Boom auf den Bondmärkten überrascht worden. So hat die Investmentbank Goldman Sachs diese Woche ihre Verkaufsempfehlung für zehnjährigen US-Staatsanleihen zurückgezogen.

Rätselhaft sind die niedrigen Renditen auf den Anleihemärkten vor allem deshalb, weil die langfristigen Zinsen normalerweise den Leitzinsen am kurzen Ende folgen. Davon kann in den USA keine Rede sein. Als die Fed Ende Juni vergangenen Jahres mit den Zinserhöhungen begann, lag die Rendite der Zehnjahresanleihen bei fast 4,6 Prozent. Jetzt kreist sie seit Wochen um die Vier-Prozent-Marke. Selbst die Diskussion über die riesigen Haushaltsdefizite der USA konnte den Abwärtstrend nicht stoppen. Offenbar ignorieren die Bondhändler das mit hohen Budgetdefiziten einhergehen-de Inflationsrisiko. Da den Experten keine vernünftige Erklärung für dieses Phänomen eingefallen ist, sprechen einige bereits von einer neuen Ära dauerhaft niedriger Zinsen.

Die Anleiherendite setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: dem erwarteten kurzfristigen Zins und einer Risikoprämie für die längerfristige Kreditgewährung. Die kurzfristigen US-Zinsen zwar gestiegen. Die Anleihemärkte erwarten aber offenbar keine dramatischen Schritte der Fed in näherer Zeit. Bill Dudley, Chefökonom bei Goldman Sachs, weist darauf hin, dass die Zinsterminmärkte nur eine Erhöhung der Leitzinsen auf bis zu 3,5 Prozent einkalkulieren. Dahinter steckt das Kalkül, dass das konjunkturneutrale US-Zinsniveau deutlich niedriger ist als bisher angenommen.

Hinzu kommt, dass offenbar auch die Inflationserwartungen deutlich gesunken sind und die Anleger daher eine geringere Risikoprämie verlangen. Die Käufer von inflationsgeschützten Staatsanleihen in den USA (Tips) erwarten, dass sich die Preissteigerungen in den nächsten zehn Jahren auf rund zwei Prozent beschränken. Selbst dann müsste die Rendite heute aber eher bei 4,5 Prozent liegen.

Es gibt jedoch noch eine andere, weniger positive Erklärung für die Renditeschwäche. „Die Bondmärkte werden überschwemmt mit Ersparnissen“, sagt Adam Posen, Ökonom am Institute for International Economics in Washington. Weltweit stecken Anleger und Unternehmen Geld in renditeschwache, aber sichere Staatspapiere, weil es ihnen an Mut oder anderen Alternativen mangelt. Folgt man dieser Argumentation, sind die niedrigen Langfristzinsen eher ein Zeichen der wirtschaftlichen Schwäche denn der Stärke.

Wie dem auch sei – die meisten Volkswirte sind sich sicher, dass der anormale Trend bald vorbei seien wird. Nach Meinung von Goldman-Ökonom Dudley werden nicht nur die kurzfristigen Zinsen, sondern auch die Risikoprämien stärker steigen als erwartet. Verlassen sollte man sich auf die Wirtschafts-Propheten jedoch nicht.

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