Platin erklimmt ein 23-Jahres-Hoch
Auf leisen Sohlen zum neuen Kursgipfel

Weil die Nachfrage größer ist als das Angebot, erklimmt Platin ein 23-Jahres-Hoch - und kaum jemand nimmt davon Notiz

Während die Börsianer wie gebannt auf den jüngsten Anstieg des Goldpreises starren, markierte Platin in der vergangenen Woche fast unbemerkt einen neuen Rekordstand. Mit 730 $ pro Feinunze ist es so teuer wie seit 23 Jahren nicht mehr. Dies ist umso bemerkenswerter als sich beide Edelmetalle lange Zeit hindurch im Gleichschritt bewegten. Durch den Anstieg von über 30% in den letzten zwölf Monaten ist Platin nun aber fast doppelt so teuer wie Gold.

Obwohl der jüngste Preisschub nach Angaben von Andy Williamson, Edelmetallexperte der britischen Großbank HSBC, vor allem auf Spekulanten zurückzuführen ist, wird der Anstieg aber auch durch eine Reihe fundamentaler Faktoren abgesichert: Ganz obenan steht dabei die Sorge, dass Südafrikas Anglo Platinum (Angloplat), der weltweit größte Förderer des weißen Metalls, wegen des starken Rands womöglich seine ehrgeizigen Expansionspläne zurückschrauben könnte. Wie die Goldkonzerne leiden auch die Platinproduzenten am Kap unter der starken Lokalwährung, weil ihre Erschließungs- und Lohnkosten in starken Rand anfallen, ihre Erlöse jedoch auf dem Weltmarkt in Dollar abgerechnet werden.

Anders als der Goldpreis, der zuletzt vor allem von der unsicheren Entwicklung an den Börsen und dem schwachen Dollar profitiert hat, wird der Preissprung bei Platin von Experten gemeinhin mit den erwarteten Versorgungsengpässen begründet. Die starken Preisfluktuationen bei Platin sind aber auch auf die Abhängigkeit von wenigen Produzenten zurückzuführen: Südafrika fördert heute rund 75% allen Platins und ist damit praktisch Monopolist. Auch die zurzeit neu erschlossenen Vorkommen kommen fast alle aus dem südafrikanischen Bushveld. Die hier um 1920 entdeckten Lagerstätten sind zwar so groß, dass Südafrika den Weltmarkt für mindestens 100 Jahre allein beliefern könnte. Doch müssen die Platinvorkommen dazu erst einmal kostspielig erschlossen werden. Russland folgt weit abgeschlagen an zweiter Stelle; der Rest entfällt auf Kanada.

Ein weiteres Manko liegt darin, dass sich das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage im Platinmarkt zusehends verschiebt. Für 2012 rechnet zum Beispiel Rene Hochreiter, Bergbauspezialist von BoE Securities in Johannesburg, trotz der beträchtlichen Produktionssteigerungen am Kap mit einem jährlichen Nachfrageüberhang von mehreren hunderttausend Unzen.

Grund dafür ist vor allem die anhaltend starke Nachfrage aus China, dessen Schmuckmanufakturen ihre Platinkäufe um 14% auf 1,5 Mill. Unzen heraufgeschraubt haben. Chinas Juweliere verarbeiten schon jetzt die Hälfte allen Schmuckplatins; beim einstigen Spitzenreiter Japan ist es hingegen nur noch ein Viertel. Inzwischen verbraucht die Schmuckindustrie fast die Hälfte der gesamten Platinproduktion von derzeit 6,6 Mill. Unzen im Jahr.

Hinzu kommt, dass die Automobilbranche die stufenweise Einführung neuer Technologien erwägt, um dadurch die immer schärferen Emissionsauflagen zu erfüllen. Als besonders vielversprechend könnte sich zudem die Verwendung von Platin in Brennstoffzellen für Autos erweisen. Nach Ansicht von Angloplat dürften aber schon im Jahr 2010 allein in diesem Segment der Autoindustrie rund 500 000 Unzen Verwendung finden.

Doch noch ist der Weg des Platins zu seinem Allzeit-Hoch trotz dieser günstigen Rahmenbedingungen weit: Im März 1980 kletterte das weiße Metall kurzzeitig auf fast 1 050 $ je Unze – ein Niveau, an das es trotz des immer größeren Nachfrageüberhangs seitdem nie mehr herangekommen ist.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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