Renditen unter vier Prozent sind nicht ungewöhnlich
Die Renten-Rallys

Die mögliche Blase an den Rentenmärkten ist in diesen Tagen wieder ein großes Thema. Auslöser war der Renditerutsch zehnjähriger Staatsanleihen in den USA und in Deutschland unter die magische Marke von vier Prozent vor drei Wochen.

FRANKFURT/M. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert inzwischen deutlich unter dieser Marke, US-Staatsanleihen liegen leicht darüber. Seit Mitte Juni sind die Renditen der Anleihen, die sich gegenläufig zu den Kursen entwickeln, in Deutschland um rund 0,50 und in den USA um rund 0,70 Prozentpunkte gefallen. Eine Renditerückgang um einen halben Prozentpunkt gilt bei Anleihen als Rally.

Der jüngste Renditerückgang kam überraschend, denn Ende Juni begann die US-Notenbank mit ihrem angekündigten Zinserhöhungszyklus. Seitdem hat sie dreimal die Leitzinsen auf 1,75 Prozent erhöht. Die Bondmärkte ließ das aber kalt. Die Anleger glauben nicht, dass es mit der US-Wirtschaft deutlich bergauf geht und kaufen deshalb die sicheren Staatsanleihen. Als wichtigstes Argument für den Rentenmarkt gilt dabei der US-Arbeitsmarkt. Vier Mal in Folge lag die Zahl der neu geschaffenen Stellen unter den Erwartungen der Volkswirte. Im Schnitt lag der Stellenzuwachs bei lediglich 100 000 und schürte damit die Angst vor einer Jobless-Recovery, also einem Wirtschaftsaufschwung, der sich nicht auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt und deshalb nicht nachhaltig ist.

Dennoch fürchten viele Banken, dass die Bondmärkte auf den aktuellen Renditeniveaus überbewertet sind. Doch ob sich das Blatt dauerhaft und nachhaltig wendet, ist zweifelhaft. Das zeigt ein Blick in die Geschichte der Rentenmärkte. Über fünf Prozent lagen die Renditen zuletzt im Sommer 2002. Unter vier Prozent rutschten sie dagegen mehrmals. Die Bewegungen gingen von den USA aus und schwappten auf die Anleihen der Euro-Zone, für die Bundesanleihen als Richtung weisend gelten, über.

Die Renten-Rally von April bis Oktober 2002, ließ die zehnjährigen US-Renditen von 5,50 bis auf 3,60 Prozent einbrechen. Auslöser war vor allem der erneute Kurssturz an den Aktienmärkten. Erst als die US-Notenbank die Leitzinsen senkte und sich die Aktienmärkte erholten, stiegen die Renditen wieder. Der Anstieg ging aber nur bis 4,25 Prozent, und die Rendite hielt sich dort mehr oder weniger bis Anfang 2003.

Dann setzte die nächste Bond- Hausse ein. Sie ließ die zehnjährigen US-Renditen bis Mitte Juni 2003 auf 3,11 Prozent und damit das niedrigste Niveau seit dem zweiten Weltkrieg einbrechen. Dabei waren vor allem durch Kommentare von US-Notenbankern ausgelöste Ängste vor einer Deflation – einem ständigen Preisverfall – der treibende Faktor. Hinzu kam ein schwaches Wachstum der US-Wirtschaft. Erst als dieses wieder anzog, schnellten auch die Renditen nach oben. Binnen sechs Wochen zogen die Renditen bis August 2003 um fast anderthalb Prozentpunkte auf 4,60 Prozent an. Dann folgte aber bald die Winter-Rally 2003/2004, diesmal ausgelöst durch Käufe ausländischer Zentralbanken. Bis März dieses Jahres fielen die zehnjährigen US-Renditen auf 3,60 Prozent. Der folgende Anstieg bis auf 4,90 Prozent im Juni wurde vor allem durch die Ängste vor Leitzinserhöhungen und Inflation geschürt. Dann setzte aber die noch anhaltende Rally ein, zuletzt auch gestützt durch den hohen Ölpreis.

Positive Nachrichten für die Konjunktur, wie ein erwarteter Anstieg des US-Bruttoinlandsprodukts gepaart mit dem nächsten Zinsschritt der US-Notenbank im November, werden die Renditen aller Voraussicht nach wieder nach oben treiben. Doch auch diese Bewegung könnte nur kurzfristig sein. Denn wie nachhaltig der Aufschwung der US-Wirtschaft ist, muss sich erst noch zeigen. Und bei negativen Konjunkturnachrichten könnten die Renditen schnell wieder fallen. Das hat die Vergangenheit gezeigt.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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