Trotz schwächerer Gewinndynamik wächst die Zahl der positiven Überraschungen
Klappern gehört zum Handwerk

Die abgelaufene Berichtssaison hat der Wall Street gute Gewinne gebracht. Dementsprechend groß ist die Euphorie und die Kursrally setzt sich fort. Allerdings gitb es auch Warner. Sie verweisen darauf , dass das Gewinnwachstum der US-Konzerne in den vergangenen zwei Jahren dramatisch abgenommen hat.

DÜSSELDORF. Glück ist meist auch eine Frage des Erwartungshorizonts. Wer zu viel erhofft, wird enttäuscht. Wer mit wenig rechnet, freut sich, wenn es mehr ist. Die Wall Street feiert gerade die abgelaufene Berichtssaison. "Die Gewinne sind großartig", sagen Chefstrategen, "wieder viel höher als erwartet", meldet der Finanzinformationsdienst Standard & Poor?s. Unerwartet seien Quartalsgewinne der im breiten S&P 500 vertretenen US-Firmen erneut zweistellig gewachsen, das zwölfte Mal in Folge. Die Kursrally an der Wall Street setzt sich bei so vielen positiven Meldungen ungehindert fort.

Zu den wenigen, die nüchtern geblieben sind, gehört Richard Bernstein, Chefstratege bei Merrill Lynch. Er weist darauf hin, dass das Gewinnwachstum der US-Konzerne in den vergangenen zwei Jahren dramatisch abgenommen hat. Die unter Analysten weit verbreitete "beat and raise"-Mentalität der Gemeinde täusche darüber hinweg, dass die Fundamentaldaten der Unternehmen schlechter werden, warnt er. Er meint damit, dass Analysten mit jeder übertroffenen Erwartung (beat expectation) Kursziel und Bewertung nach oben korrigieren (raise target). Das feuert die gegenwärtige Rally noch zusätzlich an. Fallen Investoren da nicht auf gute Investor-Relations-Arbeit herein?

Tatsächlich hat sich das Gewinnwachstum der US-Unternehmen seit dem deutlichen Sprung nach oben vor drei Jahren erheblich verlangsamt. Die operativen Gewinne legten zuletzt im Schnitt nur noch um die zehn Prozent zu, mehr ist auch in den kommenden Quartalen nicht drin. Im zweiten Quartal 2002 waren die Gewinne gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp 30 Prozent gestiegen. Noch vor einem Jahr präsentierten die Firmen im Schnitt ein Plus von 31 Prozent. Die fetten Wachstumsquartale sind eindeutig vorbei.

Doch Klappern gehört zum Handwerk. Zu den Unternehmen, die mit ihren Ergebnissen positiv überrascht haben, obwohl ihr Gewinn zurückgegangen ist, gehören große Namen wie Pfizer (minus zwei Prozent), JP Morgan Chase (minus 22 Prozent) oder Novellus ( minus 17 Prozent). Auch Firmen, die sich tief in der Verlustzone befanden, schafften es noch, mit positiven Überraschungen zu glänzen. Sie hatten die Finanzgemeinde schlicht auf noch Schlimmeres vorbereitet. Dazu gehörten Bell South, Boeing, Ford, die New York Times Co. und Unisys.

Es sind keine Einzelfälle. Jedes zehnte im S&P 500 notierte Unternehmen hat schwächere Ergebnisse oder gar Verluste mit dem Trick einer zuvor besonders niedrig gehängten Messlatte besser aussehen lassen. Vor allem zyklische Werte mit besonders hohen Schwankungsbreiten gehörten zu den Blendern. Trotz des deutlich verlangsamten allgemeinen Gewinnwachstums ist die Zahl der positiven Überraschungen insgesamt sogar noch gestiegen.

Eine ähnliche Konstellation - schwächeres Gewinnwachstum und gleichzeitig mehr positive Überraschungen - hat es bisher nur drei Mal gegeben: Im ersten Halbjahr 1998, kurz vor der vom LTCM Hedge-Fonds verursachten internationalen Schuldenkrise. Und jeweils in den Jahren 2000 und 2001, als die Technologieblase platzte. Offenbar wird das Instrument der positiven Überraschung zu Beginn einer schwächeren Wachstumsphase von den Investor-Relations-Abteilungen besonders gerne genutzt. Es gilt, den Anlegern noch ein wenig die Sicht zu vernebeln. Ein Blick auf die Gewinnentwicklung gegenüber den Vorquartalen lohnt sich also. Schlaue Investoren können positive Überraschungen gelegentlich sogar zum Verkauf nutzen. Während andere noch kaufen, haben sie den Höchstkurs zum Ausstieg genutzt. Auch das ist Glück.

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