Devisenhandel
Britisches Pfund mit akutem Schwächeanfall

George Osborne sprach am vergangenen Wochenende aus, was viele befürchten. Der Finanzexperte der britischen Konservativen warnte, dass eine ausufernde Staatsverschuldung einen Vertrauensverlust und eine Massenflucht aus dem Pfund auslösen könnte.

LONDON. Für seine Aussagen fing sich der Oppositionspolitiker scharfe Kritik auch aus der eigenen Partei ein. Labour-Premierminister Gordon Brown ließ am Mittwoch wissen, dass Osborne damit nur den Spekulanten nutze, nicht aber der heimischen Wirtschaft.

Aber völlig aus der Luft gegriffen ist die Angst des konservativen Finanzexperten nicht. Gegenüber dem Dollar hat das Pfund seit Juli ein Viertel seines Wertes verloren. Zum Euro sackte die britische Währung allein in den ersten Novemberwochen um mehr als zehn Prozent ab. Seit Mitte vergangenen Jahres, dem Ausbruch der Finanzkrise, verbilligte sich die britische Währung sogar um mehr als 25 Prozent. In den vergangenen vier Tagen hat sich die Devise zwar wieder etwas erholt. Aber noch immer bekommen die Briten für ein Pfund nur noch 1,191 Euro.

Der Grund für den Schwächeanfall ist ein Cocktail aus Rezession, Deflationsgefahr und fallenden Zinsen. Anfang November hatte die Bank of England (BoE) die Zinsen in einem dramatischen Schritt um eineinhalb Prozentpunkte auf drei Prozent und damit auf den tiefsten Stand seit Mitte der 50er-Jahre gesenkt. Das Protokoll der Sitzung des geldpolitischen Rats zeigt, dass die Währungshüter sogar eine historische Senkung um zwei volle Prozentpunkte diskutiert haben, um das Land vor einer schweren Rezession zu retten. In ihrem düstersten Ausblick seit mehr als einem Jahrzehnt prognostiziert die Notenbank, dass die Wirtschaft auf der Insel im ersten Halbjahr 2009 um fast zwei Prozent schrumpfen wird. Zugleich werde die Inflationsrate bis 2010 auf unter ein Prozent fallen. Eine Deflation will Notenbank-Gouverneur Mervyn King nicht ausschließen. Einige Volkswirte wie Michael Saunders von der Citigroup erwarten deshalb, dass die Notenbank ihren Leitsatz auf null Prozent senken muss, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Großbritannien mit dem führenden Bankenstandort London leidet nach einem jahrelangen Boom besonders stark unter einer hausgemachten Immobilienkrise und dem Chaos an den Finanzmärkten. Vor allem die reichen Golfstaaten, aber auch asiatische Schwellenländer hatten im Boom in Pfundanlagen investiert. Jetzt hat der Vertrauensverlust in das britische Finanzsystem zu einem rapiden Kapitalabzug geführt. Londoner Banker warnen, ähnlich wie Osborne, vor einer Flucht aus dem Pfund. Die Analysten der Rabobank fürchten deshalb, dass das Pfund zumindest kurzfristig weiter unter Druck bleiben wird. Zwar hätten auch Dollar und Euro ihre Probleme, aber das Pfund sei derzeit die "hässlichste" unter den Währungen der großen Industrieländer.

Angesichts des massiven Wertverlusts diskutieren Experten wie der ehemalige Notenbanker Willem Buiter inzwischen offen über einen Beitritt der Briten zur Euro-Zone. Doch Premierminister Brown zählt zu den erklärten Gegnern der Gemeinschaftswährung. Schon unter seinem Vorgänger Tony Blair stemmte er sich gegen die Einführung des Euros. mm

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