Eugen Weinberg
„Die Märkte spielen total verrückt“

Nach dem Aktien-Crash brechen jetzt die Rohstoffpreise ein. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt Commerzbank-Chefanalyst Eugen Weinberg, was hinter dem Absturz steckt und wieso er viele Parallelen zu 2008 sieht.
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Herr Weinberg, die Preise von Metallen brechen den vierten Tag in Folge ein. Was ist passiert?

In den vergangenen Wochen haben sich die Rohstoffpreise im Vergleich zu Aktien sehr gut gehalten. Es herrschte zwar große Unsicherheit, aber die wurde der europäischen Schuldenkrise zugeschrieben. Diese wird nicht als Belastung für Edelmetalle wie Silber und Gold gesehen, eher als stützender Faktor. In der vergangenen Woche hat sich das Bild aber gedreht. Jetzt wird an den Märkten das Thema Konjunkturangst gespielt.

War die US-Notenbank mit ihrem skeptischen Ausblick der Auslöser?

Die Fed hat in doppelter Hinsicht die Initialzündung gegeben. Zum einen hatten viele Anleger in den vergangenen Wochen auf ein echtes QE3 gehofft, also zusätzliche Liquiditätsspritzen, die zu weiteren Käufen von Rohstoff-Investoren führen würden. Die nun angekündigte „Operation Twist“ ist verglichen damit eher liquiditätsneutral, da kein Geld gedruckt, sondern kurz laufende Anleihen in lang laufende Anleihen getauscht werden. Hinzu kam natürlich der Konjunkturpessimismus der Fed, dem unmittelbar weitere Hiobsbotschaften folgten.

Welche?

Am Donnerstag gab es eine Fülle von Einkaufsmanager-Daten, die allesamt die Erwartungen verfehlten – und zwar in Europa ebenso wie in China. Letzter Punkt ist für Rohstoffanleger ganz wichtig, da die Hoffnung auf Stabilität in China die Rohstoffpreise in den vergangenen Monaten stark gestützt hat. Wenn sich hier die Aussichten jetzt ebenfalls eintrüben, ist das eine starke Belastung.

Aber rechtfertigt das allein die immensen Ausschläge? Immerhin hat Silber binnen weniger Tage ein Drittel an Wert verloren, Gold hat seit dem Hoch fast 20 Prozent eingebüßt.

Ich muss zugeben, dass mich das Ausmaß des Absturzes auch überrascht hat. Das zeigt zum einen, dass es vorher eine Überhitzung der Preise gegeben hat. Zum anderen zeigt es, wie viel Panik im Markt ist. Fundamental sind die Bewegungen nicht nachvollziehbar. Im Moment verkaufen Investoren an allen Märkten gleichzeitig – sei es, weil sie Verluste an anderer Stelle ausgleichen müssen oder weil sie weitere Preisstürze erwarten und diesen zuvorkommen wollen. Sichere Häfen gibt es in diesem Umfeld nicht mehr.

Abgesehen von Staatsanleihen…

…So sehen es offenbar viele. Aber wenn Sie mich fragen, ob ein Zins über zehn Jahre in der Größenordnung unter zwei Prozent mehr verspricht als eine Anlage wie Gold, die sich über alle Krisen hinweg bewährt hat, steht die Antwort für mich fest.

Sie halten Gold für unterbewertet?

Wenn ich mir die Fundamentaldaten anschaue, spricht langfristig alles für weiter steigende Goldpreise. Die Unsicherheiten nehmen weiter zu und Politikern und Zentralbanken fällt nichts ein, wie sie darauf reagieren sollen. In dem Umfeld braucht man Sicherheit und die kann Gold geben. In den vergangenen Monaten war das auch allgemeine Überzeugung. Das hat den Preis zu weit getrieben, sodass eine Korrektur immer wahrscheinlicher wurde. Viel weiter als jetzt sollte der Preis eigentlich nicht mehr fallen, aber man sollte die Kräfte des Marktes nicht unterschätzen. Kurzfristig haben sich die Preistrends verselbstständigt.

Sind die Bewegungen denn noch rational?

Nein, das sehe ich nicht so. Die Märkte spielen aktuell völlig verrückt. Sehen Sie sich den Zinnpreis an: Der ist am Freitag zunächst um 15 Prozent eingebrochen, hat dann die Richtung gedreht und sogar im Plus geschlossen. Heute geht es dann wieder kräftig abwärts. Solche Beispiele gibt es zu Hauf und die heftigen Ausschläge bei Gold und erst recht bei Silber zähle ich auch dazu. Industriemetalle wie Nickel oder Aluminium werden bereits wieder unter ihren Produktionskosten gehandelt. Zinn ist inzwischen so billig, dass Indonesien als größter Exporteur seine Produktion vorübergehend eingestellt hat. Und bei Kupfer, dem mit Abstand wichtigsten Metall, haben wir ein strukturelles Angebotsdefizit, das ebenfalls deutlich höhere Preise rechtfertigen würde.

Die jetzige Situation erinnert stark an 2008, als die Rohstoffpreise ebenfalls parallel mit den Aktienkursen einbrachen. Kann die damalige Entwicklung als Blaupause für heute dienen?

Die Parallelen sind stärker, als uns allen lieb sein sollte. Die Konjunkturindikatoren trüben sich in rasantem Tempo ein, die Marktverwerfungen sind ähnlich stark. Schauen Sie sich die Volatilität bei Silber an, die erinnert in höchstem Maße an 2008.

Wenn sich die Geschichte wiederholt, dürften wir das Schlimmste der Krise noch vor uns haben.

Meine Hoffnung ist, dass diejenigen Recht behalten, die sagen, heute sei alles nicht so schlimm. Wenn wir aber eine Wiederholung der damaligen tiefgreifenden Krise mit Konjunkturschocks und wackelnden Banken sehen, dann ist der jetzige Absturz erst der Anfang und die Preise werden noch viel tiefer fallen. Fundamentaldaten spielen dann keine Rolle mehr. Schon Keynes hat gesagt, dass die Märkte länger irrational bleiben können, als man selbst liquide.

Vielen Dank für das Gespräch. 

 

 

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)

Kommentare zu " Eugen Weinberg: „Die Märkte spielen total verrückt“"

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  • Da haben wir es wieder Herr Drescher: Leute wie der Commerzbank-Chefanalyst betrachten die QE Maßnahmen als Supersprit für den Motor Börsengeschäfte - und nicht, wie von der US-Regierung geplant, als Liquiditätshilfen für die in den letzten Atemzügen liegende Wirtschaft.

    Da schimpft Bernanke wie ein Rohrspatz über die hohen Energie-, Grain und damit Lebensmittelpreisepreise und befeuert mit seiner Geldpolitik genau die Spekulatuonen in diesen Märkten.

    Was soll das? Will man damit andeuten: Egal was, hauptsache wir haben etwas getan? Na ja, da macht dann auch Geithners erneuter Versuch, die Europäer zu höheren Ausgaben zu bewegen erst so richtig Sinn, wenn auf der anderen Seite S&P mit einer möglichen Herabstufung auch für Deutschland spricht. Unser ehemaliger Superfinanzminster - Sie wissen schon, den Herrn mifrifi - nannte so ein Vorgehen konzertierte Aktion.

    Was zur Zeit von Drüben kommt, ist einfach nur noch verrückt.

  • Klingt banal, dass sich Banken samt Vermögen in Staub auflösen,wenn es eben nicht mehr weiter geht, aber wir sollten nicht die Augen vor den fatalen Folgen einer massiven und umfassenden Vermögensauflösung verschließen!
    Wenn systemrelevante Banken "fallen" sollten, werden wir einen zweiten "28. Juni 1914" erleben. Es wird der Tag sein, an dem alles möglich sein wird (was Poltiker und Lobbyisten erkennen werden) und die Bevölkerung aufgeheizt durch die Schuldendebatte und mit der Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut im Nacken wird bereit sein, jegliche Entscheidung "mitzutragen". Es wäre nicht das erste Mal , dass innenpolitischer Druck auf außenpolitischen Ventilen abegführt wird.
    Als bürgerlicher Wähler hoffe ich aufrichtig, dass die richtigen Entscheidungen für eine friedliche Zukunft getroffen werden.

  • neeee neeeee neee

    Nicht die Märkte spielen verrückt, sie sidn nur eben undurchsichtbar. Aber war das denn je anders?

    Ich glaube allerdings (nicht wissen), dass der Boden naht. Die netten udn liebevoleln politker geben ja inzwischen zu, dass es denen nur um unsere entmündigung geht. also war das Stufe-I und nun können sie das Chaos zurück nehmen.

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