Devisen + Rohstoffe
Experten lehnen Politik zur Eindämmung der Ölpreisspekulation ab

Die Forderung der Politik nach einer Eindämmung der Ölspekulation stößt bei vielen Experten auf Unverständnis. "Das ist Populismus pur", sagte Michael Köhler, Ökonom der Landesbank Rheinland-Pfalz. Der Benzinpreis diene wie vormals der Brotpreis als Signal für die Stimmung im Volke. Dies rufe rasch die Politik auf den Plan. Die von der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX befragten Experten sind sich aber einig: Der Politik fehlt es an Macht, den Ölpreis dauerhaft zu beeinflussen. Dieser blieb auch am Donnerstag in den USA in Reichweite seiner am Dienstag erreichten Rekordmarke von 50,47 Dollar je Barrel (159 Liter).

dpa-afx FRANKFURT. Die Forderung der Politik nach einer Eindämmung der Ölspekulation stößt bei vielen Experten auf Unverständnis. "Das ist Populismus pur", sagte Michael Köhler, Ökonom der Landesbank Rheinland-Pfalz. Der Benzinpreis diene wie vormals der Brotpreis als Signal für die Stimmung im Volke. Dies rufe rasch die Politik auf den Plan. Die von der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX befragten Experten sind sich aber einig: Der Politik fehlt es an Macht, den Ölpreis dauerhaft zu beeinflussen. Dieser blieb auch am Donnerstag in den USA in Reichweite seiner am Dienstag erreichten Rekordmarke von 50,47 Dollar je Barrel (159 Liter).

Aus Sicht der Politik ist die Lage unterdessen klar: Bundeskanzler Gerhard Schröder macht vor allem Spekulanten für die Preisrallye an den Ölmärkten verantwortlich. Finanzminister Hans Eichel forderte: "Wir müssen dem massiven Spekulationscharakter beim Ölpreis vorbeugen". Auch unter den G7-Staaten besteht laut Finanzministerium Konsens, dass der hohe Ölpreis auf eine Spekulationsblase zurückzuführen sei. Dem widersprechen allerdings die befragten Experten. Sie machen angesichts des Booms der Weltwirtschaft vor allem die hohe Nachfrage in den USA und China für den Preisanstieg verantwortlich. Die Spekulanten sprängen nur auf fahrende Züge.

Boomende Weltwirtschaft Verbraucht Mehr ÖL

"Eine boomende Weltwirtschaft verbraucht mehr Öl. Das ist die Hauptursache für den Preisanstieg", sagte Ölexperte Andy Sommer von der HSH Nordbank. "Der Puffer zwischen Angebot und Nachfrage sei wegen der kräftig steigenden Nachfrage deutlich geringer geworden." Der Ölpreis bleibe damit anfällig für plötzlich auftretende Risiken.

Die Investmentbank Lehman Brothers sieht vor der Heizperiode vor allem fundamentale Faktoren am Werk: Die Produktionskapazitäten seien weltweit fast vollständig ausgeschöpft, die Lagerbestände in den USA befänden sich am unteren Ende ihrer historischen Spanne und der hohe Ölpreis habe bisher offenbar nur einen beschränkt dämpfenden Einfluss auf die Nachfrage ausgeübt.

Ölpreis NUR ZU Geringem Teil Werk DER Spekulanten

"Die Spekulation ist bei weitem nicht mehr so stark am Markt aktiv wie noch zu Beginn des Jahres", sagte HSH-Experte Sommer. Darüber hinaus sei der Anteil der Spekulanten, die auf fallende Kurse setzen, in jüngster Zeit gestiegen. Auch nach Einschätzung der HVB spiegelt der Ölpreis die Realität stärker wider als "eingefleischte" Optimisten erhoffen. Im Preis für ein Barrel (je 159 Liter) der Nordseesorte Brent von rund 47 Dollar sei derzeit nur eine Risikoprämie von fünf Dollar enthalten.

Auch für Goldman Sachs ist der Ölpreis derzeit nur zu einem geringen Teil das Werk von Spekulanten. Der Einfluss der Spekulation auf den Ölpreis sei seit der Spitze im Juni von sieben Dollar je Barrel auf weniger als drei Dollar je Barrel geschrumpft. In den vergangenen Wochen habe der Wirbelsturm "Ivan" aber wieder zu einem merklichen Anstieg auf knapp vier Dollar je Barrel geführt.

Langfristige Ölnotierungen Ziehen Kräftig AN

Die Ölpreisrally geht Goldman Sachs zufolge nicht auf Spekulation, Kriegs- oder andere Risikoprämien zurück, sondern auf den deutlichen Sprung der langfristigen Ölnotierungen. In den vergangenen vier Jahren sei die Notierung mit einer Laufzeit von fünf Jahren um 15 Dollar auf 35 Dollar je Barrel emporgeschnellt: "Das ist die grundlegende Veränderung am Markt."

Die Regierung zielt unterdessen auf mehr Transparenz am Ölmarkt ab. Diese soll unter anderem mit aussagekräftigerem statistischen Material bewerkstelligt werden. Mit neutralen Ölinformationen zu Verbrauch, Produktion und Lagerbeständen könnten Marktteilnehmer die reale Lage genauer einschätzen, heißt es.

'Zeichen FÜR Hilflosigkeit'

"Die Vorschläge gehen an der Realität vorbei", sagte LRP-Ökonom Köhler. Die Politik sollte den Hebel eher an den Ursachen des hohen Ölpreises ansetzen. Angesichts der juristischen Winkelzüge um den russischen Ölkonzern Yukos und der angespannten Sicherheitslage im Irak wäre eine Stabilisierung der Lage in diesen Problemregionen vordringlicher. Für HSH-Experte Sommer sind die Forderungen der Politik schlicht "ein Zeichen der Hilflosigkeit".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%