Flash-Crash beim britischen Pfund
„May könnte Marktbereinigung gestartet haben“

Eine heftige Kursbewegung in der Nacht hat das britische Pfund zum Absturz gebracht - innerhalb weniger Minuten fiel die Währung um mehr als zehn Prozent. Die Suche nach der Ursache hat begonnen.
  • 4

Düsseldorf/TokioMassenhafte Verkäufe beim Pfund Sterling haben in der Nacht zum Freitag zu einem dramatischen Einbruch von knapp zehn Prozent bei der britischen Währung geführt. Börsianer sprechen von einem „Flash Crash“, einem durch den automatischen Computerhandel ausgelösten Absturz. Ein Sprecher der Bank of England kündigte an, die Kursbewegung überprüfen zu wollen. Die Angst vor einem sogenannten harten Brexit, also ein EU-Austritt ohne freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt, könnte Experten zufolge das Pfund in nächster Zeit weiter drücken.

Kurz nach Beginn des asiatischen Geschäftes rauschte der Kurs innerhalb weniger Minuten auf einigen Handelsplattformen um mehr zehn Prozent von 1,2600 Dollar auf knapp unter 1,14 Dollar. Wenig später hatte die Währung den Verlust zur Hälfte wieder wettgemacht und erholte sich im Handelsverlauf weiter. Doch die Stimmung blieb angespannt. Denn mittags gab es einen erneuten, leichteren Absturz auf 1,22 Dollar. Gegen 14 Uhr lag das Pfund wieder bei 1,23 Dollar. (aktueller Wechselkurs hier)

„Es gab gar keinen unmittelbaren Grund für das Pfund Sterling, eine solch dramatische Bewegung zu machen“, sagte ein Händler. „Das war sogar größer als das, was wir unmittelbar nach dem Brexit gesehen haben.“ Ausgelöst werden kann ein solcher blitzartiger Kurssturz durch hohe Umsätze in Randzeiten oder auch durch versehentlich falsch eingegebene Transaktionen („fat finger“).

Tatsächlich zitierte die japanische Wirtschaftszeitung „Nikkei“ am Freitag einen Händler mit den Worten, da habe wohl jemand auf seiner Computertastatur versehentlich eine größere Verkaufsanweisung eingetippt als beabsichtigt. Es kursierten daneben aber auch Spekulationen, wonach Chinesen angesichts der Schwäche des Pfunds die Währung abgestoßen und dafür Dollar gekauft hätten.

Als das Pfund nach unten wegbrach, könnten weitere technische Algotrader mitgezogen haben, was zu dem schnellen und scharfen Kursverfall geführt hat, sagten Analysten. „Das Pfund ist ein Opfer unserer digitalen, von Schlagzeilen beherrschten Welt geworden", sagte Kathleen Brooks von Forex.Com. „Für das Pfund sind die Algotrades die moderne Version eines George Soros geworden.“ Der Milliardär Soros wurde in den 90er Jahren mit millionenschweren Wetten gegen die britische Währung bekannt.

Von Computern gesteuerte Handelsprogramme gewinnen an den Märkten immer mehr an Einfluss. Die so genannten Algotrades reagieren mit atemberaubender Geschwindigkeit auf Schlagzeilen und Daten und bringen mit ihren Orders die Kurse von Unternehmen, Branchen und Märkten ins Rollen. Basierend auf einer oft sehr komplexen Anlagestrategie entscheiden die Programme quasi per Autopilot über den Verkauf und Kauf von Aktien.

Ohnehin ist das das Pfund Sterling angeschlagen: Seit Juni, als die Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) gestimmt hatten, steht die Devise stark unter Druck. Die Angst vor verhärteten Fronten zwischen den Verhandlungspartnern über die Ausgestaltung des Brexit schürte die britische Premierministerin Theresa May vergangenes Wochenende mit ihrer Ankündigung, den Brexit-Antrag bis spätestens Ende März zu stellen.

„Ich glaube, wir haben unterschätzt, wie viele Marktteilnehmer sich für einen weichen Brexit positioniert hatten oder gar keinen“, sagte Stratege Sean Callow von Westpac. „May könnte die Marktbereinigung gerade erst gestartet haben.“ Die Analysten von HSBC sehen das Pfund bis Ende 2017 auf 1,10 Dollar fallen und auf Parität zum Euro.

Für Unruhe sorgten am Donnerstagabend Kommentare des französischen Präsidenten Francois Holland, der ebenfalls für einen harten Kurs der EU in den Verhandlungen mit den Briten warb. "Die Briten wollen raus, aber sie wollen nicht zahlen. Das ist nicht möglich", sagte Hollande in einer Rede in Paris. Die Briten hätten sich für den Austritt entschieden, „tatsächlich - wie ich glaube - einen harten Brexit.“ Die EU müsse nun hart bleiben, um ihre Prinzipien nicht infrage zu stellen.

Viele Experten fürchten ein Abgleiten der britischen Wirtschaft in eine Rezession. Die britische Industrie hatte nach dem ersten Brexit-Schock dank des schwächeren Pfunds zuletzt aber viel Boden gutgemacht. Um die Folgen für die britische Wirtschaft abzufedern, müsste das Pfund noch weiter deutlich abwerten, sagte Devisen-Analyst Jeffrey Halley vom Broker Oanda.

Das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Kursbewegung zeigen, dass der globaler Währungsmarkt nicht vor extremer Volatilität geschützt ist. Im Januar war etwa der südafrikanische Rand in einer Viertelstunde um neun Prozent gefallen, bevor er sich erholte. Auch beim neuseeländischen Dollar hatte es Ende August einen Flashcrash gegeben. Auch die Bewegung des Pfunds zum Euro in der Nacht war heftig. Von 1,13 Euro ging es hinunter bis auf 1,06 Euro, bevor die Erholung das Pfund zurück auf einen Wert von immerhin 1,12 Euro brachte.

Martin Dowideit, Leiter Digitales, Handelsblatt.
Martin Dowideit
Handelsblatt / Leiter Digitales
Agentur
Bloomberg 
Bloomberg / Nachrichtenagentur
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Flash-Crash beim britischen Pfund: „May könnte Marktbereinigung gestartet haben“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%