Greenback hat gestern vermutliche Interventionsmarke von 110 Yen durchbrochen
Währungsexperten begrüßen Abwertung des Dollars

Der Dollar markierte gestern gegenüber dem Yen ein neues Dreijahrestief von 109,36 Yen. Er unterschritt damit die Marke von 110 Yen, die die japanische Notenbank nach Einschätzung von Devisenhändlern durch wiederholte massive Interventionen zu verteidigen versucht hatte. Der Euro erreichte mit 1,1812 Dollar den höchsten Stand seit dreieinhalb Monaten.

FRANKFURT/M. Die japanische wie die europäische Währung haben seit der Forderung der Gruppe der sieben größten Industrienationen (G7) nach flexibleren Wechselkursen in Dubai knapp fünf Prozent gegenüber dem Dollar zugelegt.

Während der japanische Finanzminister Sadakazu Tanigaki gestern nochmals seine Entschlossenheit bekräftigte, gegen eine übermäßige Yen-Aufwertung vorzugehen, zeigten sich europäische Regierungsvertreter entspannt. Die Finanzminister Belgiens, Österreichs und der Niederlande sagten gestern mit übereinstimmendem Tenor, dass der derzeitige Wechselkurs des Euros zum Dollar den Fundamentaldaten der Wirtschaft angemessen sei und momentan kein Problem darstelle. Der Österreicher Karl-Heinz Grasser fügte allerdings hinzu, dass die Reaktion des Devisenmarkts auf die Erklärung der G7 von Dubai übertrieben gewesen sei. Sein niederländischer Kollege Gerrit Zalm nannte die Spanne von 1,10 bis 1,20 Dollar als angemessen für den Euro. Bundesbankpräsident Ernst Welteke sagte gestern, die Erklärung habe nicht auf eine Schwächung des Dollars zum Euro abgezielt.

Zuvor hatte bereits der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, den Höhenflug des Euros heruntergespielt. In einem am Montag veröffentlichten Interview hatte er eine Abwertung des Dollars als „unvermeidlich“ bezeichnet, dabei aber auch die Sorge geäußert, es könnte zu einem drastischen Dollar-Kursverfall kommen.

Hauptgrund für die Sorge ist das hohe Defizit der USA im Außenhandel. Neben der EZB hat unter anderem der Internationale Währungsfonds vor der Gefahr gewarnt, dass die USA ihr Leistungsbilanzdefizit irgendwann nicht mehr zu den derzeitigen Bedingungen finanzieren können und es dadurch zu einem Dollar-Crash kommen könnte. Die meisten internationalen Devisenexperten vertrauen darauf, dass Währungsturbulenzen vermieden werden können. „Es gibt keinen Grund, warum es einen Dollar-Crash geben sollte“, sagte Maxine Koster, Global Economist der Investmentbank Credit Suisse First Boston in London. „Die US-Wirtschaft ist wesentlich stärker als die des Euro-Raums, und außerdem ist klar, dass die großen Notenbanken am Devisenmarkt intervenieren würden, wenn es zu Turbulenzen käme“, beruhigt Koster.

Auch der Chefstratege von Merrill Lynch, Michael Hartnett, vertraut darauf, dass allein schon die Möglichkeit von Devisenmarktinterventionen zu Gunsten des Dollars einen Einbruch verhindern wird. Während Hartnett und die meisten seiner Kollegen Duisenbergs Einschätzung zustimmen, dass eine weitere Dollar-Abwertung unvermeidlich ist, vertritt der Währungsstratege der Citigroup, Stephen Saywell, die Position, dass der Euro bis Ende 2004 wieder auf rund 1,10 Dollar abwerten werde. „Die US-Wirtschaft entwickelt sich sehr gut und hat daher keine Probleme, ihr Außenhandelsdefizit zu finanzieren“, meint Saywell. Europas Konjunktur könne eine weiter Aufwertung kaum verkraften, und zudem gehe das Defizit der USA auf den Handel mit Asien und nicht mit Europa zurück. „Japan wird daher eine Währungsaufwertung gegenüber dem Dollar auch mit weiteren Interventionen nicht verhindern können, und auch China wird das Umtauschverhältnis seiner Währung bald nach oben anpassen“, so Saywell.

John Lewellyn, Chefvolkswirt von Lehman Brothers, sieht die von ihm erwartete weitere Dollar-Abwertung positiv. Sie sei nötig, um die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft abzubauen. Die EZB werde vermutlich als Reaktion ihren Leitzins senken, während die US-Notenbank keinen Grund habe, den ihren zu erhöhen. Insgesamt gehe ein schwächerer Dollar daher mit einem geldpolitischen Impuls für die Weltwirtschaft einher.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%