Londoner Oil & Money-Konferenz
„Wir liefern Öl umsonst“

Der Ölpreis scheint nicht zu bremsen, das Überspringen der 100-Dollar-Marke nur noch ein Frage der Zeit. Immer stärker in die Kritik geraten dieser Tage angesichts dieser Entwicklung die Ölproduzenten. Insbesondere die Opec muss sich aus den Industrieländern einiges anhören. Doch die Verantwortlichen des Kartells wollen nicht länger der Sündenbock für die hohen Ölpreise sein.

LONDON. Gerade noch hat er würdig eine langweilige Rede heruntergespult, da kommt der beleibte, weißhaarige Herr im grauen Anzug plötzlich in Wallung. Die Frage, was die Opec gegen den hohen Ölpreis zu tun gedenke, treibt dem Energieminister aus Katar, Abdullah Bin Hamad Al-Attiyah, die Röte ins Gesicht. „Seit fünfzig Jahren gebt ihr uns die Schuld für den Ölpreis“, klagt Seine Exzellenz, der Vizepremier, auf der Oil & Money-Konferenz im grünlich beleuchteten Ballsaal des Londoner Intercontinental-Hotels. „Jede Delegation aus Europa, die uns besuchen kommt, beschwert sich, dass der Preis zu hoch sei. Das fing schon an, als das Öl sieben Dollar je Barrel kostete.“

Er sei es leid, dass die Opec immer der Sündenbock sei, ereifert sich der Minister gestikulierend. „Wir sind doch kein Preiskartell“, sagt er. „Glaubt ihr denn im Ernst, dass es etwas ändern würde, wenn wir die Produktion um eine halbe oder eine Million Barrel am Tag erhöhten?“ Nein, gibt er sich selber die Antwort. „Wir haben alle unsere Kunden gefragt, ob sie mehr Öl oder Gas brauchen – keiner hat Ja gesagt.“ Spekulanten seien es, die den Ölpreis auf die Hundert-Dollar-Marke trieben, wiederholt er das Argument, hinter dem sich die ganze Opec dieser Tage versteckt.

Belustigt verfolgt das distinguierte Publikum aus Ölmanagern und Bankern die zehnminütige Suada des Opec-Veteranen. Neben ihm schmunzelt Opec-Präsident Mohammed Bin Dhaen Al Hamli, der das Gleiche diplomatischer ausgedrückt hat. „Ich wünschte, ich wüsste warum der Ölpreis auf die 100 Dollar zusteuert“, mimt der hagere, wortgewandte Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate Verzweiflung. Der Opec bereite das natürlich Sorgen, aber leider seien es eben nicht die Fundamentaldaten, die die Preise im Moment trieben. Im Dezember werde man sich im Kreis der Ölminister treffen und „unsere Ansichten zum Thema austauschen“, versucht er zu beruhigen.

Der leidenschaftliche Ausbruch seines Kollegen belegt jedoch, dass die Kritik der Industrieländer an der Haltung der Opec Wirkung zeigt. Auch auf der Londoner Konferenz zeigen Experten auf Powerpoint-Folien, wie die Reservekapazität auf dem Weltölmarkt angesichts der starken Nachfrage aus China schrumpft. Die Opec muss mehr produzieren, schlussfolgern die Experten. Doch die Scheichs stellen sich stur. Schließlich finanzieren die hohen Ölpreise ihre ehrgeizigen Infrastrukturvorhaben.

Schließlich gibt Al-Attiyah noch einen Vorschlag zum Besten, den er einem Minister aus der EU gemacht habe: „Wir liefern euch das Öl kostenlos frei Haus, wenn ihr uns die Hälfte an den Einnahmen aus der Mineralölsteuer überweist.“ Die Antwort, so erzählt er: „Exzellenz, wechseln Sie nicht das Thema.“

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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