Niedrige Preise
Chinesen im Goldrausch

Die Chinesen kaufen an den Maifeiertagen massenhaft Gold. Geld spielt keine Rolle. Vor allem ältere Damen decken sich hemmungslos mit dem gelben Metall ein - und treiben den globalen Markt.
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ShanghaiWie früher beim Winterschlussverkauf drängen und schieben die Menschenmassen schon vor Ladenöffnung gegen die Tür. Als es endlich losgeht, wedeln die ersten schon mit dicken Bündeln Bargeld, um als erste bedient zu werden. „Geben Sie mir gleich zwei von den Gold-Armreifen“, ruft eine ältere Dame der Verkäuferin zu. „Oder besser gleich drei!“ Doch selbst ihre schrille Stimme dringt kaum durch, weil alle gleichzeitig schreien, um schneller bedient zu werden.

So wie beim „Juwelier zum Alten Phönix“ in Shanghai sah es an den Maifeiertagen im ganzen Land aus. Touristen aus der Provinz kauften massenhaft Gold. Geld spielt keine Rolle: Pro Armreif zu 35 Gramm bezahlte die Oma 1600 Euro in Cash auf die Hand. „Das ist es mir aber locker wert“, versichert die Dame. „Ich hebe den Schmuck erst einmal für die Hochzeit meines Sohnes auf.“ Sie habe kürzlich in der Zeitung gesehen, dass der Goldpreis gefallen sei. „Da dachte mir, jetzt ist ein guter Zeitpunkt zum Einstieg.“

Im vergangenen halben Jahr ist der Goldpreis von über 1.700 Dollar auf aktuell 1.455 Dollar pro Unze gesunken. Jetzt kennt die Kaufwut keine Grenzen mehr, denn die Chinesen haben Angst vor Inflation. Ihre eigene Zentralbank hat genau wie die Notenbanken weltweit seit Beginn der Finanzkrise frisches Geld im Wert von mehreren Billionen Euro ausgegeben. Der Immobilienmarkt ist bereits überhitzt. Da wollen die Leute in etwas Sicheres investieren – und die Wahl fällt fast immer auf metallisches Gold.

In Asien habe es Tradition, sich zur Absicherung der Familienfinanzen mit Edelmetallen einzudecken, sagt Analyst Zhang Chen von der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC). Das Massenverhalten der Mittelklasse in den aufstrebenden Ländern treibe bereits die globalen Preise: „Hinter der kleinen Erholung der letzten Tage steckt zu einem guten Teil die hohe Nachfrage der asiatischen Goldkäufer.“ Die Leute hätten nun vor allem die Reisesaison um die Maifeiertage genutzt, um nachzukaufen.

Am heftigsten schlagen die Goldkauf-Touristen in der unabhängigen Region Hongkong zu. Denn hier liegen die Preise einige Prozent niedriger als im restlichen China. Die Massen bestürmen die Juweliere in Hongkong noch heftiger als auf dem Festland, berichtet der Satellitenkanal „Dongfang TV“. Jeden Monat nehmen Privatleute und Händler weit über hundert Tonnen Gold von Hongkong mit nach China. Im Jahr 2012 waren es 830 Tonnen, eine Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr. Dabei handelt es sich um ein halbes Prozent der Goldmenge, die der Mensch überhaupt bisher gefördert hat.

Der Juwelier „Alter Phönix“ in Shanghai ist entsprechend zufrieden mit dem Geschäft „Wir verkaufen wie verrückt“, sagt eine Mitarbeiterin. Der Umsatz übersteige bereits 120 000 Euro am Tag. Das Herdenverhalten der Metallanleger in Ostasien beginnt nun bereits, zur selbsterfüllenden Prognose zu werden. „Chinesische Omas kennen den Markt besser als die Experten an der Wall Street“, schreibt ein Webnutzer in einem Finanzforum. „Schließlich machen sie die Preise.“

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

Kommentare zu " Niedrige Preise : Chinesen im Goldrausch"

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  • Denke Soros ist nun fleißig am kaufen und wir erfahren das dann im November.

  • Ich würde mal das Übersetzungsprogramm wechseln...

  • Einfach alle Metalle und Rohstoffe zusammen anschauen! Was sehen Sie da? Die Zocker sind ausgestiegen, wohl wegen der klammen Wirtschaft und der immensen Lagerkosten bis zum Wiederanspringen. Dieses Jahr hiess es: sell before May.

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