Rohstoffboom lässt Kurs stetig steigen
Die Goldmedaille geht an Südafrikas Rand

Nicht nur der Euro befindet sich gegenüber dem Dollar auf einem Höhenflug. Auch der südafrikanische Rand steigt im Vergleich zum Greenback unaufhaltsam. Gegenüber dem Dollar kletterte der Rand 2004 um fast 15 Prozent auf nun 5,75 Rand, gegenüber dem Euro immerhin um weitere zehn Prozent auf zuletzt 7,65 Rand. Damit gehört der Rand zusammen mit dem polnischen Zloty zu den beiden stärksten unter insgesamt 16 Währungen, die der Wirtschaftsdienst Bloomberg im Vergleich zum US-Dollar genauer untersucht.

HB KAPSTADT. „Wenn es eine Olympiade für Währungen gäbe, würde der Rand inzwischen des Dopings bezichtigt werden“, kommentiert Colen Garrow vom Bankhaus Brait die Muskelspiele des Rands. Viele Experten halten den Rand inzwischen für stark überteuert. Dave Mohr von Citadel rechnet wegen des schwächeren Wachstums der Weltwirtschaft mit einer Abkühlung des Rohstoffbooms – und daher mit einem schwächeren Rand. Nach seinem Modell ist die südafrikanische Währung um mehr als 30 Prozent überbewertet.

Der Rand profitiert von den hohen Rohstoffpreisen, die rund 40 Prozent der südafrikanischen Exporterlöse ausmachen. Erst zu Monatsbeginn kletterte etwa Gold bis auf 455 Dollar je Feinunze – dies war der höchste Stand in 16 Jahren. Eine andere Erklärung für den starken Rand findet sich in den hohen Zinsen am Kap. Bei einem Reposatz von 7,5 Prozent und einer Inflationsrate von vier Prozent bleibt risikofreudigen Anlegern ein Realzins von immerhin 3,5 Prozent. Die attraktive Marge hat nach Ansicht Garrows in den letzten drei Jahren viel kurzfristiges Anlagegeld („hot money“) ins Land gelockt. Trotz der leichten Zinserhöhungen der US-Notenbank könnten sich, so Garrow, amerikanische und vor allem europäische Anleger daheim billig Geld leihen und damit eine günstige Geldanlage am Kap finanzieren. Doch sei zu erwarten, dass diese Gelder schnell wieder abfließen, wenn die Zinsen in Europa oder den USA steigen und Anlagen attraktiver würden.

Als Erklärung für die Stärke des Rands greifen indes sowohl die hohen Zinsen als auch der Rohstoffboom zu kurz. Angesichts der Zinswende in den USA und der erneuten Senkung der südafrikanischen Reporate im August hätte der Rand eigentlich an Wert verlieren müssen. Stattdessen hat er alle kurzfristigen Verluste wieder wettgemacht. Experten führten dies unter anderem auf Äußerungen von Notenbankchef Tito Mboweni zurück, der eine Intervention der Zentralbank zur Schwächung des Rands ausschloss.

Im eigenen Land wird der starke Rand mit gemischten Gefühlen gesehen. Vor allem die Geschäftswelt aber auch die Gewerkschaften machen ihn dafür verantwortlich, dass Südafrika zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Nach einer Studie des Büros für Wirtschaftsforschung an der Universität Stellenbosch bei Kapstadt haben fast 40 Prozent aller Hersteller vom Kap ihre Exporte wegen des starken Rands eingestellt. Weitere 28 Prozent verzeichneten schwere Einbußen. Die meisten Hersteller können nach eigenem Bekunden erst bei einem Kurs von etwa 7,50 Rand international erfolgreich konkurrieren – mehr als 20 Prozent über dem gegenwärtigen Niveau. Besonders stark leiden viele Rohstoffkonzerne, weil sie den Erlös für die von ihnen geförderten Metalle in (schwachen) Dollar erhalten, gleichzeitig ihre Kosten aber in (starken) Rand abrechnen.

Doch die starke Währung hat auch ihre guten Seiten. Zum einen investieren viele Unternehmen wieder in technische Neuerungen, weil der Import von Maschinen, Computern und Ersatzteilen günstiger ist als seit Jahren. Zudem hat der Rand viele träge Unternehmen zu beträchtlichen Effizienzsteigerungen genötigt. Zu den Nutznießern zählen außerdem Südafrikas Verbraucher. „Ein Kaufrausch hat vielen Einzelhändlern Rekordgewinne beschert“, frohlockt Mike Schussler vom Wirtschaftsberater T-Sec. Vor allem aber hat der Rand das Vermögen aufgewertet, wofür der Immobilienboom am Kap ein deutliches Indiz ist.

Obwohl der Rand allgemein als überbewertet gilt, gibt es kaum Anzeichen, dass es bald zu einer Abwertung kommen könnte. Joe Gerson, ein unabhängiger Analyst, der die Entwicklung des Rands in den letzten drei Jahren präzise vorausgesagt hat, glaubt vielmehr, dass der schwache Dollar einen starken Rand garantiert. Zum anderen prophezeit er eine Fortdauer des Rohstoffbooms.

Schädlicher als die Stärke des Rands sind für viele Firmen die Ausschläge. Die Geschäftswelt steckt viel Geld in den Schutz vor den enormen Schwankungen. Viele Unternehmen wünschen sich daher nichts mehr als ein Ende der Achterbahnfahrt.

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Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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