Schon bald könnte die Produktion nicht mehr die Nachfrage decken –
Blei gilt als Nachzügler mit Potenzial

Ingrid Sternby von der Investmentbank Barclays Capital schickte gar eine Eilmeldung über Blei an ihre Kunden. Alles deute darauf hin, dass der globale Angebotsüberhang bei dem schweren Metall in den letzten beiden Jahren sich in „Luft aufzulösen“ beginne. Für dieses und die kommenden zwei Jahre geht Sternby von einem Produktionsdefizit mit steigenden Preisen aus.

LONDON. Von „vielversprechenden Fundamentaldaten“ sprachen in der vergangenen Woche auch die Analysten von Prudential-Bache in London. In Europa und Nordamerika werden derzeit aus Kostengründen drei Hütten geschlossen. Schon jetzt zahlen die europäischen Käufer von Blei ein beträchtliches Aufgeld für ihre Lieferungen.

Was Ingrid Sternby in ihrer Kaufempfehlung für das Metall bestärkt, ist die Tatsache, dass die Bleipreise noch Nachholbedarf haben: Denn Blei und Zink – die beiden Metalle werden oft gemeinsam gefördert – waren ins Hintertreffen geraten, während sich andere Metallpreise seit dem Herbst 2001 kräftig erholt haben.

Auch die Londoner Economist Intelligence Unit, (EIU), stellt bereits eine angespannteren Marktlage bei dem Metall fest. China als wichtiger Marktfaktor steigere seine Erzeugung von Hüttenblei zwar ständig, brauche jedoch zunehmend mehr davon für den eigenen Bedarf. So sollen die Pkw-Neuzulassungen in dem Riesenreich bis 2005 um etwa 40 % zunehmen. Die Nettoausfuhren Chinas an Blei seien aber schon jetzt rückläufig.

Für 2003 geht die EIU von einem weltweiten Produktionsdefizit von 80 000 Tonnen aus. Und auch in zwei Jahren werden wohl noch 45 000 Tonnen fehlen. Bis dahin werden die Vorräte weiter schrumpfen und nur noch für 3,2 Wochen reichen. Derzeit reichen die Vorräte noch für 4,2 Wochen.

Der Bleiverbrauch der USA, unmittelbar nach Asien der größte Verbraucher der Welt, ist wegen der Rezession seit dem vergangenen Jahr um 10 % eingebrochen. Dafür war zum einen die Misere des Automobilsektors verantwortlich. Aber auch die rückläufige Nachfrage nach industriellen Batterien für den Informations- und Telekommuniktionssektor trug maßgeblich dazu bei.

An Dynamik fehlt es dem Metall momentan möglicherweise deshalb, weil es weniger von dem Auf und Ab der Konjunktur abhängig sei und daher weniger von den gegenwärtigen Hoffnungen auf einen Aufschung profitiere als andere Industriemetalle, argumentiert Sternby. Der größte Teil des Angebots gehe schließlich in die Herstellung von Batterien für den Ersatzbedarf in älteren Kraftfahrzeugen.

Im laufenden Jahr soll die Bleinachfrage der westlichen Welt nach Berechnungen der Wirtschaftsexperten der EIU wieder um 0,9 % wachsen, nachdem sie in den vergangenen zwei Jahren insgesamt um 5 % gesunken war. 2004 und 2005 werde die Nachfrage dann einen förmlichen Satz machen: 2,8 % im kommenden Jahr und 3,1 % im Jahr 2005. Weltweit werde der Bleiverbrauch in den kommenden zwei Jahren um insgesamt fast 8% wachsen mit dem Schwerpunkt in Asien und anderen Regionen außerhalb der OECD.

Die rückläufige Bleiproduktion der westlichen Welt in den letzten drei Jahren ist auch ein Folge der geringeren Anlieferungen von Bleischrott im Zuge der Rezession. Immerhin 62 % des Hüttenbleis im Westen stammt derzeit aus wiederverwertetem Blei, also aus eingeschmolzenem Bleischrott.

Die seit Jahresbeginn bisher nur geringfügig um etwa 26 000 Tonnen auf 183 000 Tonnen gefallen Bleibestände an der Londoner LME spiegeln laut Matthew Parry von der EIU nur unzureichend die tatsächliche Verknappung des Angebots wider. Weniger sichtbar hätten in letzter Zeit nämlich die Produzenten auf ihre Vorräte zurückgegriffen. „Der Bleipreis wird damit in Zukunft zunehmend von dem Rückgang der (sichtbaren) Bestände an der LME Auftrieb erhalten,“ spekuliert Ingrid Sternby von Barclays Capital. Von diesem Trend hätten die übrigen Industriemetalle bereits stärker als Blei profitiert.

Jim Lennon von Macquarie Research in London hält derzeit ein Engagement bei Kupfer und Aluminium für riskanter als bei Blei und Zink. Die Preise für diese beiden führenden Industriemetalle gälten in dem gegenwärtigen Konjunkturstadium bereits mancherorts als korrekturbedürftig – seien den Entwicklungen vorausgeeilt. Sternby von Barclays Capital schätzt, dass der Durchschnittspreis pro Tonne Blei im Jahr 2004 auf 550 Dollar steigen wird. Derzeit müssen Anleger an der Londoner LME für Blei 515 Dollar zahlen. Im Frühjahr waren es sogar weniger als 470 Dollar.

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