Verteilungskämpfe
Schmierstoff im Niger-Delta

In Nigeria verschärft sich der Konflikt ums Öl, die Unruhen nehmen zu. Die Regierung und die ansässigen Ölkonzerne und schieben sich ob der angespannten Situation gegenseitig den schwarzen Peter zu. Verlierer des Zwists sind die Einwohner: Die Lebensqualität hat sich kaum verbessert.

KAPSTADT. Es ist ein heilloses Durcheinander. Schnurgerade durch die Natur geschlagene Schneisen und sanft geschwungene Wasserläufe – mal kreuzen und überschneiden sie sich, dann wieder laufen sie nebeneinander her, und schließlich verschwinden sie irgendwo am Horizont. Aus der Luft sieht das Einerlei der Mangrovensümpfe und Tropenwälder im Niger-Delta wie ein gigantischer Schnittmusterbogen aus. Dabei ist die Mündung von Afrikas drittlängstem Strom nicht nur ein hochkomplexes Ökosystem von der Größe der Schweiz, sondern auch die vielleicht größte Schatzkammer Afrikas. Denn darunter lagern gigantische Ölvorräte – insgesamt mehr als 25 Mrd. Barrel (je 159 Liter). Ein solcher Schatz weckt naturgemäß Begehrlichkeiten, noch dazu, wenn er so ungerecht verteilt wird, wie es lange der Fall war.

Inzwischen tobt in den Creeks, wie die ungezählten Wasserläufe des Deltas heißen, ein regelrechter Krieg um das schwarze Gold. Unter dem Vorwand, für eine Verbesserung der Lebensumstände der hier ansässigen Menschen zu kämpfen, überfällt seit letztem Jahr eine bis dato unbekannte Gruppe mit dem Namen „Movement for the Emancipation of the Niger-Delta (Mend)“ Förderanlagen und Pumpstationen der großen Ölkonzerne. Ende Januar stürmten 30 schwer bewaffnete Milizen die Büros von Italiens Erdölkonzern Agip in der am Delta gelegenen Hafenstadt Port Harcourt. Dabei wurden zehn Menschen getötet. Es war bereits der sechste größere Überfall auf eine westliche Ölfirma in nur vier Wochen.

Auch das Schicksal eines vergangene Woche entführten Deutschen war am Wochenende noch unklar. Der Mitarbeiter der Baufirma Bilfinger Berger Gas- and Oil-Services, die im Auftrag von Ölkonzernen im Nildelta arbeitet, war am Donnerstag von Bewaffneten in Port Harcourt gekidnappt worden. Die Mend-Gruppierung bestritt, hinter der Tat zu stehen.

Angesichts derartiger Nachrichten und seiner zunehmenden Bedeutung schauen die Ölmärkte mit immer größerer Sorge auf das Delta und die dort ausgebrochenen Verteilungskämpfe. Mit einer Fördermenge von 2,6 Mill. Barrel am Tag ist Nigeria heute der größte Ölförderer Afrikas, wobei der ganz überwiegende Teil aus dem Niger-Delta stammt.

Der von den Unruhen besonders hart betroffene Shell-Konzern hat zwischenzeitlich bereits Konsequenzen gezogen und seine Tagesförderung um bis zu 220 000 Barrel gesenkt, was rund zehn Prozent der nigerianischen Tagesproduktion entspricht. Kenner der Region wie der Sicherheitsexperte Dimieari von Kemedi befürchten, dass die Situation langfristig vielleicht außer Kontrolle geraten könnte – mit gravierenden Folgen für die hier tätigen Konzerne, die nigerianische Wirtschaft aber auch den internationalen Ölpreis.

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