Rocket Internet
Die Maschen der Samwer-Brüder

Kurz vor dem Börsengang der Start-up-Schmiede Rocket Internet häufen sich die Enthüllungen über die Samwer-Brüder. Ethisch und moralisch gehen die Zalando-Macher an die Grenzen. Doch das zählt auch zum Erfolgsmodell.
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DüsseldorfEs sind zwei Worte, die Oliver Samwer gerne verwendet. Zwei Worte, die viele nicht mit seiner Start-up-Schmiede Rocket Internet zusammenbringen. Und doch verwendet Samwer sie bei seinem ersten offiziellen TV-Interview in der ZDF-Sendung „Frontal 21“ gleich mehrfach. Die beiden Worte sind: „Ganz ehrlich.“

„Ganz ehrlich“ sagt er, wenn es um mögliche Steuervorteile in anderen Ländern geht, oder um Zahlen seiner Unternehmen, die noch nicht im Bundesanzeiger ausgewiesen sind. Oliver Samwer spricht schnell, wenn er das sagt, er lacht, als lägen die Antworten doch auf der Hand, als wären die Fragen nicht berechtigt.

Es ist sein erstes offizielles TV-Interview, und das merkt man Oliver Samwer auch an. Der deutsche Internetgründer, der Kopf hinter Marken wie Zalando oder Groupon, sitzt zurückgelehnt, fast etwas ablehnend vor der Kamera und hört sich die Fragen des ZDF-Journalisten an. Kritik bügelt er ab, sich selbst stellt er als demütigen Gründer dar, einen Mittelständler mit deutschen Tugenden. „Ich habe einfach Glück, dass es nicht aufhört“, sagt er zu „Frontal 21“.

Das ist natürlich eine grandiose Untertreibung. Oliver Samwer hat gemeinsam mit seinen Brüdern Marc und Alexander das größte Internetunternehmen in Deutschland gegründet, manche sprechen sogar vom größten europäischen Webkonzern: Rocket Internet. Das Unternehmen selbst ist nur wenigen bekannt. Deutlich namhafter sind aber die Start-ups, die unter der Ägide der Samwer-Brüder entstanden groß geworden sind: der Ebay-Klon Alando, der Klingeltonanbieter Jamba, der deutsche Ableger des Gutscheinanbieters Groupon, das Versandhaus Zalando.

Nun sollen sowohl die Start-up-Schmiede Rocket Internet als auch Zalando vor dem Börsengang stehen. Offizielle Bestätigungen gibt es dafür nicht, doch alle Anzeichen sprechen dafür. Rocket Internet wurde erst vor kurzem in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die ersten Anteile sind bereits an Investoren verkauft. Kurz vor dem Börsenstart, der im September erfolgen soll, mehren sich aber auch die kritischen Stimmen gegenüber den Gründern – den Samwer-Brüdern. Dabei geht es längst um mehr als nur Kopiervorwürfe.

Nicht nur „Frontal 21“, auch der Chefredakteur des Start-up-Magazins „Gründerszene“ Joel Kaczmarek hat sich kurz vor dem Börsengang genauer mit den Samwers und ihrem Erfolg auseinander gesetzt. In seinem Buch „Die Paten des Internets“ analysiert er die Verkaufsstrategien der Samwers. Dabei lassen sich ein paar klare Maschen erkennen, die auch die ZDF-Dokumentation von „Frontal 21“ bestätigt.

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  • Neuer Markt 2.0
    Blender und Schwätzer

  • Bemerkenswert an den Samwers ist, dass Sie es geschafft haben in kurzer Zeit so viel Geld mit ihrem Geschäftsmodell des Kopierens gemacht zu haben.

    Im Kern haben sie ihr Geld nicht durch Erträge aus dem operatischen Geschäft, sondern aus dem Verkauf von Geschäftsanteilen gemacht.

    Die Grundlage dafür ist ihr Geschäftsmodell des Imitierens, des Pushens von User-Zahlen, der Existenz von Firmen, die sich durch kurzfristiges "Schlucken" dieser Imitier-Buden längerfristige Konkurrenz vom Halse halten wollen, der Existenz von "brick & mortar" Firmen, deren Häuptlinge die Chancen des Internets verpennt haben und jetzt bereit sind, sich rasch und teuer einzukaufen. Vermutlich aus einem dieser Gründe wird es den Samwers auch gelingen, ihr Zalando zu verhökern.

    Hier spielt die Profitabilität und die Profitabilitäts-Aussichten doch gar keine Rolle. Bei der Bewertung des Unternehmens werden doch bestenfalls "Vergleichsunternehmen" und Multiples herangezogen.

    Möglich ist das ganze letztlich, weil unendlich viel Geld in den Händen großer Anleger - mangels alternativer Anlagemöglichkeiten - nach Profitmöglichkeiten sucht: die Hoffnung auf noch mehr (kurzfristige) Kurssteigerung oder vielleicht (längerfristig) doch beim Next Big Thing mit dabei zu sein, treibt dieses Geld in die Hände von Samwers & Co. Die Samwers sind deshalb vermutlich bessere Investment-Banker als (kreative) Internet-Unternehmer.

    Amazon, zum Vergleich, ist auch aggressiv, aber zumindest auch innovativ. Und es hat zumindest gezeigt, dass es profitabel sein kann. Das hat Zalando & Co. noch nicht.

    Vielleicht braucht es wieder mal einen ordentlichen Shake-Out, der diese Bubble-Economy auf Normalmaß zurückstutzt und die Finanz-/Investorengemeinde sich wieder auf die Profitabilität und deren Perspektiven als Anlage-Kriterium zurückbesinnen hilft.

  • Selbst wenn mir einige Charakterzüge Samwers wirklich zuwieder sind halte ich ihn für einen brillianten Unternehmer. Innerhalb von 15 Jahren ein Unternehmen aufzubauen, das mehrere Milliarden wert ist und die Perspektive hat zu den großen des Internets aufzusteigen ist schon eine sehr respektable Leistung.

    Kopieren, Daten klauen, Grundrechte missachten usw. Sind die Prinzipien mit denen Facebook und google groß geworden sind. Das dabei die Mittelschicht und zahlreiche Unternehmen den Bach runtergehen werden ist auch klar. Aber das ist nicht die Aufgabe eines Unternehmers sondern die Frage der Regulierung. Und solange unsere Politiker nicht den Hauch einer Ahnung haben welche Implikationen die weltweite Entstehung dieser Internetwirtschaft hat, wird es so weitergehen bis es kracht. Genauso wie bei der aktiv betriebenen Deregulierung der Finanzmärkte.

    Die Samwers treten gegen die großen des Internets an, und sind dabei recht effektiv und effizient. Der Schwung den sie haben ist schon beeindruckend. Andere zu zerstören und das Geschäft an sich reissen ist Regel Nummer eins in einem Markt, der nach dem Prinzip "the winner takes it all" funktioniert. Alles andere wäre Selbstzerstörung und unternehmerisch unverantwortlich.

    Moral ist unter diesen Umständen wirklich kein Kriterium. Von daher blieb der Bericht in frontal21 hinter den Möglichkeiten zurück ein Phänomen der Intternetialisierung näherzu beleuchten. Das ist aber der grundsätzliche Fehler unseres steuerfinanziertn Rundfunks, dass das politisch korrekte Sendungbewußtsein über den investigativen Journalismus gesiegt hat.


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