Börse Frankfurt
Dax erholt sich vom Brexit-Schock

Europas Aktienbörsen sind nach den kräftigen Verlusten der Vortage auf Erholungskurs gegangen. Sogar VW-Aktien legen nach der teuren Einigung in den USA zu. Doch Börsianer warnen: Diese Gewinne sind nicht nachhaltig.

Frankfurt/DüsseldorfDer Dax schloss den Handel mit einem Plus von 1,93 Prozent auf 9447 Punkten, der Euro Stoxx 50 legte zwei Prozent zu. Zwischenzeitlich lag der deutsche Leitindex mehr als drei Prozent im Plus, gab aber in der letzten Handelsstunde einen Teil der Gewinn wieder ab. Auch das Pfund Sterling machte Boden gut. Börsianer zweifelten allerdings, dass es sich um eine nachhaltige Erholung handelte. „Das ist eine technische Reaktion auf die Verluste“, sagte einer.

„Die Augen richten sich heute auf den Brüsseler EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs, von dem Hinweise erhofft werden, wie nach dem Brexit-Votum wieder Richtung und Struktur in den entgleisten europäischen Prozess gebracht werden kann“, sagte LBBW-Analyst Thomas Hollenbach. Ein schneller Start der Austrittsverhandlungen scheint aber unwahrscheinlich. „Damit gewinnt das Szenario einer anhaltenden Unsicherheit mehr Raum“, sagte Hollenbach.

Als Belastung Nummer eins werten Markteilnehmer die Aussicht auf eine möglicherweise lange Periode der Unsicherheit, weil nun ausgehandelt werden muss, wann und unter welchen Bedingungen Großbritannien die Europäische Union verlässt. „Es gibt eine Vertrauenskrise an den Märkten“, sagte Todd Morgan, Verwaltungsratsvorsitzender des Anlageberaters Bel Air Investment Advisors. Und beruhigt gleichzeitig: „Aber es gibt eine Menge Geld, das herumliegt, und die Zinsen sind niedrig. Die Welt wird überleben.“

Der Dax könnte unter die 9000er Marke fallen und so das im Februar im Sog der Turbulenzen am Ölmarkt aufgestellte Jahrestief von 8699,29 Zählern ins Visier nehmen, warnte ein Händler. Auch das Pfund habe seine Talsohle noch nicht erreicht, sagte Commerzbank-Analystin Esther Reichelt. „Investoren brauchen Klarheit darüber, wo das Vereinigte Königreich in zwei und mehr Jahren steht. Solange die fehlt, wird das Pfund weiter abgestraft.“

In den vergangenen beiden Handelstagen seit dem Brexit-Votum haben Dax und Euro Stoxx50 je rund zehn Prozent verloren. Ähnlich stark hat auch das Pfund abgewertet. Am Dienstag notierte es bei 1,3400 Dollar, nachdem es am Montag auf ein 31-Jahres-Tief von 1,3118 Dollar gefallen war.

Die Herabstufung der Bonität Großbritanniens verteuerte am Anleihemarkt die Refinanzierung des britischen Staates nur wenig. Die Rendite der zehnjährigen britischen Bonds stieg zwar auf rund ein Prozent, blieb aber in Reichweite ihres im Zuge der Brexit-Turbulenzen erreichten Rekordtiefs von 0,933 Prozent.

„Angesichts der Flucht in die sicheren Häfen, die auch die Renditen für Gilts sinken lässt, kostet der Verlust des AAA-Status den britischen Staat vorläufig gar nichts“, fasste Holger Schmieding, Chefvolkswirt von Berenberg zusammen.

Bei den Einzelwerten holten die Finanzwerte auf. Nach teils zweistelligen prozentualen Verlusten legten sie im Schnitt zwei bis vier Prozent zu. Deutsche Bank und Commerzbank stiegen 1,24 sowie 1,5 Prozent. Dabei hatte Deutschlands größtes Geldhaus einen prominenten Gegner dazugewonnen. Der Investor George Soros hat offenbar mit 100 Millionen US-Dollar auf den Verfall der Aktie gewettet. Die britische Barclays und Royal Bank of Scotland gewannen um mehr als drei sowie um 1,75 Prozent, nachdem sie am Vortag 17 und 15 Prozent verloren hatten.

Auch die Aktien der Fluggesellschaften machten Boden gut: Ihre Geschäfte dürften mittelbar vom Brexit betroffen werden, weshalb die British-Airways-Mutter IAG und Easyjet schon ihre Prognosen kassiert haben. Ihre Aktien legten um 2,1 und vier Prozent zu, nachdem sie am Montag um 16 und 22 Prozent abgestürzt waren.

Gefragt waren auch die Papiere von Volkswagen, obwohl das Unternehmen zur Beilegung des US-Abgasskandals mit mehr als 15 Milliarden Dollar deutlich tiefer in die Tasche greifen muss als gedacht.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
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