Börse Frankfurt
EZB-Zinsentscheid drückt den Dax

Im Kampf gegen die Eurokrise senkt die EZB den Leitzins auf ein historisches Tief. Doch die Märkte konnte das nicht beruhigen. Die Anleger reagierten mit Verkäufen und drückten den Dax ins Minus.
  • 64

FrankfurtNach einer geldpolitischen Lockerungsrunde in der Eurozone, Großbritannien und China ist dem Dax am Donnerstag etwas die Luft ausgegangen. Der Leitindex verzeichnete nach den jeweiligen Entscheidungen der drei Notenbanken und Kommentaren von EZB-Präsident Mario Draghi heftige Kursbewegungen in beide Richtungen. Zuletzt stand das Börsenbarometer mit 0,45 Prozent im Minus bei 6535 Punkten. Der MDax verlor 0,75 Prozent auf 10.610 Punkte und der TecDax sank um 0,4 Prozent auf 769 Punkte. Auch der Euro verlor im Zuge der Leitzinssenkung und unterschritt die Marke von 1,25 Dollar. Zuletzt notierte der Eurokurs bei 1,2396 Dollar und damit rund ein Prozent schlechter.

Die EZB hat den Leitzins im Euroraum erstmals seit Einführung des Euro 1999 unter ein Prozent gesenkt. Der Zins wird um 0,25 Punkte auf 0,75 Prozent verringert. Das beschloss der EZB-Rat am Donnerstag in Frankfurt, wie die Notenbank mitteilte. Damit wird Zentralbankgeld für Geschäftsbanken und Sparkassen so billig wie nie in der Geschichte der Währungsunion. Der Zins für Übernachteinlagen bei der EZB wird ebenfalls um 25 Basispunkte auf Null Prozent reduziert. Es lohnt sich damit für die Banker nicht mehr, überschüssige Liquidität bei der EZB zu parken. Außerdem kappte die Zentralbank den Zinssatz, den Banken zahlen müssen, wenn sie sich kurzfristig Liquidität bei der Notenbank besorgen müssen. Er sinkt von 1,75 auf 1,5 Prozent.

EZB-Präsident Mario Draghi begründete die an den Börsen weithin erwartete Zinssenkung mit der schwachen konjunkturellen Verfassung zahlreicher Länder in der Euro-Zone. Zugleich sei die Teuerung in den Mitgliedsländern in jüngster Zeit auf dem Rückmarsch und dürfte spätestens 2013 die von der EZB angepeilte Marke von knapp zwei Prozent unterschreiten. „Das Wirtschaftswachstum bleibt weiterhin schwach und die erhöhte Unsicherheit belastet das Vertrauen.“ Entsprechend sei die Entscheidung im EZB-Rat „einstimmig in jeder Hinsicht“ gefallen, sagte der Italiener, der seit seinem Amtsantritt im vergangenen November die Zinsen damit bereits dreimal gesenkt und gut eine Billion Euro in den Finanzsektor gepumpt hat.

Analysten und Ökonomen versuchten die Ernüchterung an den Märkten mit der begrenzten Wirkung der Zinssenkung und dem negativen Konjunkturausblick Draghis zu erklären. Der frühere Bundesbanker und heutige Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands öffentlicher Banken (VÖB), Hans Reckers, sparte denn auch nicht mit Kritik: „Die Leitzinsentscheidung verschafft den EU-Krisenstaaten zwar Luft, um überfällige Reformen umzusetzen und die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Volkswirtschaften zu verbessern. Diese Atempause hat aber nur kurzfristige Wirkungen und ist zudem teuer erkauft.“

Kai Carstensen vom Münchener Ifo-Institut nannte die seiner Ansicht nach wahren Adressaten der Maßnahme: „Aus meiner Sicht ist die Zinssenkung am ehesten als zusätzlicher Schritt bei der Subventionierung von schwächelnden Banken zu verstehen.“ Weitere Schritte, auf die einige Bankvolkswirte und auch Börsianer spekuliert hatten, stellte Draghi nicht in Aussicht. Denkbar wären etwa zusätzliche Liquiditätsspritzen, nachdem die Wirkung der beiden eine Billion Euro schweren Geldsalven im Winter zuletzt nachzulassen schien. Das sieht offenbar auch Draghi selbst so: „Nun sind einige Monate vergangen und wir sehen, dass die Kreditvergabe schwach ist und schwach bleibt.“

Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank sagte zur EZB-Lockerung: „Operativ bringt die Zinssenkung zwar keinen großen Nutzen für die Banken, aber die Symbolkraft ist nicht zu unterschätzen. Die EZB zeigt kurz nach dem EU-Gipfel, dass an ihr die Sanierung der Eurozone nicht scheitern wird. Wie auch die Notenbanken in den USA und China zeigt sie, auch im zweiten Halbjahr mit der Liquiditätssteuerung bereitzustehen. Die Notenbanken werden alle bank- und realwirtschaftlichen Probleme in Liquidität ersäufen.“

Seite 1:

EZB-Zinsentscheid drückt den Dax

Seite 2:

Autobauer gewinnen

Kommentare zu " Börse Frankfurt: EZB-Zinsentscheid drückt den Dax"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • easyway
    Keine Ahnung, was dies mit Börse zu tun haben sollte, aber immerhin...
    Ein freies Land, auch Nihilisten/Atheisten haben Redefreiheit. Sie sollten aber überlegen, in welchem atheistischen Regime Sie diese Freiheit hätten. Gott ist tot? Nietzsche irrt, aber irren ist menschlich.

  • Zocker zocken in beide Richtungen, also ist es mehr als kenntnisfrei, den Zockern Verluste bei Kursrückgängen zu zuschreiben. Aber wenn es Ihnen hilft...

  • Draghi hat sich selbst ins Knie geschossen mit seiner
    Fehlentscheidung den Leitzins zu senken .

    Und die Zocker machen jetzt ihre Verluste .

    Einfach toll !

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%