Russische Börse
Handel in Moskau stoppt erneut

Die Ruhe an der russischen Börse währte nur einen Tag. Heute rauschten die Aktienkurse erneut in den Keller. Die Finanzaufsicht griff zu bewährten Mitteln: Sie setzte den Handel einmal mehr aus.

MOSKAU. Das „Schlachtfest“ an der russischen Börse wiederholt sich inzwischen fast täglich. Und fast täglich tritt die Finanzaufsicht auf die Notbremse und stoppt den Handel in Moskau, wenn die Kurse wieder einmal in den Keller rauschen. So auch gestern: Nachdem der auf Dollar-Basis berechnete RTS-Index in einer halben Stunde 11 Prozent verlor, wurde er kurzerhand erneut ausgesetzt. Erst am Nachmittag begann der Handel wieder - allerdings beschränkt auf wenige Transaktionsarten. Der in Rubel notierende Micex-Index an der Moskauer Hauptbörse wird sogar bis morgen für den Handel ausgeschlossen. Er hatte gestern binnen weniger Minuten ein Minus von 14 Prozent angesammelt.

Die Anleger in Russland hat die Panik ergriffen. Und Moskauer Analysten stehen fassungslos vor dem Absturz. Seit dem Sommer hat der RTS inzwischen fast 70 Prozent seines Wertes verloren. Die Investmentbank Troika Dialog rechnet vor, dass der Börsenwert aller gelisteter russischer Ölfirmen – inklusive des Pipelinebetreibers Transneft – zusammengenommen so hoch ist wie der des brasilianischen Ölkonzerns Petrobras. Die russischen Unternehmen werden in diesem Jahr nach Schätzung von Bloomberg aber gemeinsam einen Nettogewinn von 51 Mrd. Dollar erwirtschaften - Petrobras rund 19 Mrd. Dollar.

Die Gründe für den radikalsten Absturz der russischen Märkte seit der Russlandkrise von 1998 sind vielfältig, neben der großen Abhängigkeit von den Rohstoffwerten sieht Florian Fenner von UFG Asset Management in Moskau einen großen Nachteil des Marktes: „An den russischen Börsen gibt es kaum russische Anleger und die ausländischen ziehen ab“, analysiert er die Lage. Nach wie vor verkaufen viele Investoren ohne Rücksicht auf den Preis. Andere sind gezwungen, sich von ihren Aktien zu trennen, weil sie diese als Sicherheit für Kredite gegeben haben.

Fenner sieht zudem einen weiteren Schwachpunkt des russischen Aktienmarktes: Die Milliarden aus den russischen Pensionsfonds dürfen anders als in anderen Schwellenländern nicht in Wertpapieren angelegt werden – ein Volumen, das einen gewisses Gegengewicht zur Abhängigkeit vom Ausland bringen könnte.

Vom ständigen Aussetzen des Handels halten Beobachter indes nicht viel: „Viele russische Werte werden ja auch an ausländischen Börsen gehandelt“, sagt ein Analyst – früher oder später zögen die russischen dann nach.

Wie sich die hoch volatilen russischen Börsen im Angesicht einer drohenden weltweiten Rezession weiter entwickeln werden, vermag in Moskau niemand zu sagen. Die Maßnahmen der Regierung sind bisher beinahe wirkungslos verpufft. So auch gestern. Es werde daher nicht mehr viel Zeit vergehen, bis sie zum letzten Mittel greifen dürfte: Selbst Aktien zu kaufen, um die Kurse zu stützen, erwarten Beobachter.

Von den 36 Mrd. Dollar, die Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew zu Wochenbeginn versprochen hatte und die vor allem den großen Staatsbanken zur Verfügung gestellte werden sollen, war gestern wenig zu spüren. Der Kurs des Marktführers, der staatlichen Sberbank, stürzte im RTS 16 Prozent ab. Die Bank sitzt inzwischen aber auf so viel Kapital, dass Analysten wie Rustam Botaschew von der Unicredit Gruppe in Moskau erwarten, dass die Staatsbanken sich für die Übernahme strauchelnder Finanzinstitute fit machen sollen. Die Sberbank hat derzeit eine Kernkapitalquote von 22 Prozent – zum Vergleich: britische Banken kommen im Schnitt auf acht Prozent.

Die Mittel aus dem Staatssäckel, die bisher in den Finanzsektor geflossen sind, seien vor allem bei den Top 15 der Branche angekommen, schätzt Botaschew. Den Rest der über 1 000 Institute trifft vor allem die „Vertrauenskrise“. Niemand leiht. Weil kurzfristige Kredite zu teuer seien oder erst gar nicht zu Verfügung stehen, hätten viele Banken Probleme ihre Verbindlichkeiten zu bedienen, sagt Botaschew – ein Motor für Konsolidierung. Grundsätzlich seien die russischen Banken aber nicht schlecht kapitalisiert.

Unter dem Strich bleibt der russische Finanzmarkt aber stark unterentwickelt – was sich in der Krisenzeit sogar auch als Vorteil erweisen könnte: Die Summe aller ausstehenden Kredite beträgt gerade einmal 38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In dien USA liegt sie bei 100 Prozent.

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