Tokios Börse
Korea-Krise siegt über Japans Konjunkturspurt

Japans Bruttoinlandsprodukt überrascht mit starkem Wachstum, doch der Nikkei sackt ab. Die Börse holt das nach, was in Europa und den USA bereits geschehen ist: Sie wird durch die Nordkorea-Krise belastet.
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TokioNormalerweise hätten die Bullen an Japans Börse heute einen Festschmaus gehabt. Nicht nur feiert Japans Wirtschaft mit dem sechsten Quartalswachstum in Folge die längste Wachstumsserie seit elf Jahren. Nach der ersten Schätzung des Kabinettamts ist Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Quartal sogar um ein sattes Prozent höher ausgefallen als zwischen Januar und März. Die Märkte hatten nur 0,6 Prozent vorausgesagt.

Noch besser schien auf den ersten Blick die starke Rolle der Binnenkonjunktur zu sein, die vom Konsum der Bürger und den Investitionen der Firmen stark angetrieben wurde. Staatliche Nachfrage machte zudem einen negativen Beitrag des Außenhandels wett, der wegen eines Sprungs der Importe das BIP um 0,3 Prozentpunkte senkte.

Anleger spüren den Krieg der Worte

Die Zahlen stärken eigentlich die Optimisten, die auf Japans heimische Nachfrage als zweiten Konjunkturmotor neben Exporten setzt. In normalen Zeiten hätte man daher erwarten können, dass die Aktienkurse steigen.

Stattdessen sackte der Nikkei-Index im Morgenhandel um mehr als ein Prozent unter 19.500 Yen ab und verharrte bis kurz vor der Mittagspause knapp über der Marke. Der Grund: die anhaltenden Spannungen auf der koreanischen Halbinsel.

Da am Freitag in Japan ein Feiertag war, holte Tokios Börse nun nach, was zuvor schon anderswo passiert war. Sie versuchte, im Krieg der Worte zwischen den USA und Nordkorea die Folgen der jüngsten Drohungen von US-Präsident Donald Trump einzupreisen. Der hatte seinem Widersacher Kim Jong Un im Falle einer von Nordkorea angekündigten Raketensalve auf die amerikanische Pazifikinsel Guam oder Angriffe auf andere US-Territorien oder US-Alliierte via Twitter angedroht: „Militärische Lösungen sind nun voll einsatzbereit, geladen und entsichert.“

Japans Börse half nicht einmal, dass Trumps Nationaler Sicherheitsberater H. R. McMaster am Wochenende Trumps Tweet mit dem Hinweis abzuschwächen versuchte, dass die System des US-Militärs immer „geladen und entsichert“ seien. Zu stark war offenbar die Befürchtung, dass Nordkorea sich auch von Trumps Verbalattacken nicht von weiteren Raketenstarts oder gar Atombombentests abbringen lassen und damit die Spannungen weiter erhöhen könnte.

Auf einen anderen Grund für die fehlende Wirkung guter Nachrichten weist Tobias Harris, der Japan-Experte des Risikoberater Teneo Intelligence, hin. „Die vorläufigen Zahlen für Japans zweites Quartal sind unglaublich“, meint er. „Die Betonung sollte dabei auf vorläufig liegen.“ Damit spielt er darauf an, dass Japans erste BIP-Schätzungen oft sehr stark korrigiert werden und daher nur mit Vorsicht zu genießen sind.

Dennoch unterstützen die Zahlen Hoffnungen, dass Japans Wachstumsserie vorerst intakt bleibt. Die Ökonomen von Barclays Capital glauben zwar, dass die Binnennachfrage im laufenden dritten Quartal nach dem jüngsten Sprung negativ zum BIP beitragen könnte. Allerdings sagen sie auch voraus, dass ein staatliches Konjunkturprogramm und der Außenhandel für ein – wenn auch nur hauchzartes – Wachstum sorgen werden.

Insgesamt haben die asiatischen Aktienmärkte uneinheitlich tendiert. In China stiegen die Aktienkurse, obwohl wichtige Konjunkturzahlen schlechter ausgefallen sind als erwartet. Nach offiziellen Angaben stellten die Firmen 6,4 Prozent mehr her als vor Jahresfrist. Analysten hatten allerdings mit einem Zuwachs von 7,2 Prozent gerechnet. Im Juni lag das Wachstum bei 7,6 Prozent. Der chinesische CSI300-Index stieg im Handelsverlauf um 1,29 Prozent. Der Shanghai Composite gewann 0,8 Prozent. In Hongkong legte der Hang-Seng-Index 1,12 Prozent zu. Der südkoreanische Kospi-Index stieg um 0,77 Prozent.

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

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