Zehn Jahre nach der Finanzkrise
„Wir haben unseren Ruf zerstört“

Die Welt wandelt sich. Das verunsichert nicht nur Bürger, sondern auch die einst so selbstsicheren Banker. Digitalisierung, politische Umbrüche und niedrige Zinsen. Doch mancher sieht noch ganz grundsätzliche Probleme.
  • 0

DavosEs sind harte Worte, die Paul Smith für seine eigene Zunft findet, die Finanzindustrie. „Das größte Problem ist, dass niemand uns vertraut – erst Recht nicht unsere Kunden“, sagt der Präsident des CFA Institute, einer Vereinigung, in der sich 130.000 Investmentprofis weltweit zusammengeschlossen haben. „2008 haben wir unseren Ruf zerstört“, sagt Smith mit Blick auf den Höhepunkt der Finanzkrise, als Abermillionen Menschen unter den Fehlern einiger Banker zu leiden hatten. Als Menschen ihre Häuser verloren, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr zahlen konnten. Als Menschen ihre Alterssicherung verloren, weil die Finanzmärkte in die Tiefe rauschten. Als Menschen ihre Jobs verloren, weil ihre Firmen keine Aufträge und keine Kredite mehr bekamen.

Smith sitzt auf einer Bank im feinen Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos, als er über die Fehler der Finanzbranche spricht. Um ihn herum herrscht rege Betriebsamkeit. Gerade eben eilt der scheidende US-Außenminister John Kerry vorbei, sorgsam abgeschirmt von seinen Bodyguards. Es ist Weltwirtschaftsforum, hier trifft sich einmal im Jahr die Elite aus Wirtschaft und Politik.

Die Stimmung war schon besser. Der anstehende Brexit, die Übernahme der US-Präsidentschaft durch Donald Trump, die niedrigen Zinsen, die digitale Revolution und ein zunehmender Protektionismus machen insbesondere den europäischen Banken zu schaffen, während ihre US-Kollegen wie JPMorgan Chase Rekordgewinne einfahren. „Europas Banken sind immer noch mit dem Aufräumen nach der Finanzkrise beschäftigt. Die Amerikaner haben das längst erledigt“, sagt Frank Riemensperger, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Accenture. Negativbeispiel sind die staatliche Rettungsaktion für die italienische Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena, die unter massenhaft faulen Krediten leidet.

Die Baustellen in der Finanzindustrie sind auch Thema am Frühstückstisch. In diesem Fall hat die britische Großbank HSBC zu Kaffee und Teilchen geladen – alle Tische sind besetzt, Spätankömmlinge müssen sich auf Stühle am Rand setzen. HSBC-Verwaltungsratschef Douglas Flint kritisiert die schleppenden Verhandlungen um die neuesten Bankenregeln, das sogenannte Basel IV, mit dem ein abermaliger Kollaps der Finanzmärkte verhindert werden soll. „Es ist fast zehn Jahre nach Beginn der Krise und wir haben das Grundgerüst noch nicht fertig“, schimpft Flint. Dies trage zur herrschenden Unsicherheit bei. Die Banken handelten deshalb extrem vorsichtig. „Das ist eine Belastung für die Wirtschaft.“

Seite 1:

„Wir haben unseren Ruf zerstört“

Seite 2:

„Technologie ist der Schlüssel“

Kommentare zu " Zehn Jahre nach der Finanzkrise: „Wir haben unseren Ruf zerstört“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%