Internationale Presseschau vom 10.6.2009
Daseinsberechtigung verspielt

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert den Insolvenzantrag von Arcandor und sucht nach Ursachen und Schuldigen der Misere. Das Wall Street Journal fordert angesichts der TARP-Rückzahlungen eine Lösung für die Citigroup. Economist und Veckans Affärer beobachten Apples Siegeszug auf dem Smartphone-Markt. Fundstück: Grünwein für die Welt.

Das Wall Street Journal erklärt die Insolvenz des Kaufhausbetreibers Arcandor mit dem Scheitern des Verkaufskonzepts „Alles unter einem Dach“. Wie in den USA oder in den anderen europäischen Ländern seien Kaufhäuser von großen Einkaufszentren auf der „grünen Wiese“ oder von Spezialgeschäften verdrängt worden, die eine größere Auswahl in speziellen Produktgruppen anböten. Hinzu kämen die hohen Mieten in den Innenstädten und die Profillosigkeit von Karstadt, die die Kunden verjagt habe. Auch Woolworth und Hertie hätten aus diesen Gründen Insolvenz anmelden müssen. „Dem letzten verbliebene Kaufhausbetreiber Metro ist es besser ergangen, weil er seine Kaufhof-Filialen und das Sortiment behutsam aufgewertet hat und nun Bekleidung Schmuck und Geschenkartikel im Premiumsegment vertreibt“, schreibt das Blatt.

Die Börsen-Zeitung meint, die Insolvenz bedeute zwar keineswegs das Aus für die 43.000 Arbeitsplätze, die von der Insolvenz direkt betroffen seien, allerdings könnten beim Versuch, für die verwertbaren Teile des Konzerns eine neue Heimat zu finden, Unwägbarkeiten zum Vorschein kommen – die Vertragsdetails aus den zahlreichen M & A-Transaktionen aus der Ära Middelhoff könnten noch manche Tücke bergen. Die Insolvenz werde vermutlich zur Zerschlagung von Arcandor führen, was jedoch nicht bedauerlich sei: „Was außer dem Verschieben von Vermögenswerten unter dem Konzerndach machte den Konzern in der Vergangenheit eigentlich aus? Von einem Zusammengehörigkeitsgefühl dürfte jedenfalls erst mit der Bedrohung durch die Insolvenz die Rede gewesen sein. Engere geschäftliche Verquickungen oder gar Synergien zwischen den drei Säulen gab es jedenfalls kaum.“

Die Süddeutsche Zeitung holt zum Rundumschlag aus. Zunächst hätten die Eigentümer von Arcandor versagt, indem sie den Staat um Hilfe angefleht, selbst aber kaum Hilfe geleistet hätten. „Sie wollten den Steuerzahler in die Haftung nehmen, aber so wenig wie möglich selber haften. Sie wollten in einer Krise, in der der Staat mehr gefragt ist als je zuvor, die öffentliche Hand überstrapazieren.“ Neben den Eigentümern hätten auch Manager wie Thomas Middelhoff versagt, die Karstadt in den vergangenen Jahren geführt haben: Sie hätten die Aktiengesellschaft zu Unrecht als ihr persönliches Eigentum behandelt und Arcandor ausgehöhlt. Schließlich hätten die Banken Arcandor hängen lassen. Als Gläubiger und Vermieter hätten sie Karstadt sowohl die Warenhaus-Miete reduzieren als auch Arcandor einen Notkredit gewähren müssen.

„Man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, wenn es doch gelingt, handelt es sich oft um eine unappetitliche“, kommentiert Les Echos aus Frankreich die Krise bei Arcandor. Und rekapituliert: Zwei Mal bereits sei die Konzerntochter Karstadt der Pleite entkommen. Als „alte Dame“ von 128 Jahren, die genauso viele Menschen wie Opel beschäftige, sei Karstadt davon ausgegangen, recht einfach bei Angela Merkel Gehör zu finden. Doch da die beiden großen Aktionäre aus Sicht der Kanzlerin nicht alle Möglichkeiten zur Abwendung der Krise ausgeschöpft hätten, habe Merkel eine privatwirtschaftliche Lösung bevorzugt. Doch die Metro könne es sich nicht erlauben, auch nur die Kosten für die Umstrukturierung eines solchen großen Bazars zu tragen. „Der große Ausverkauf ist unvermeidbar, und die Banken stehen in der ersten Reihe, um dafür herhalten zu müssen.“

Die Kaufhäuser – die Dinosaurier im deutschen Einzelhandel – sterben aus, analysiert die Financial Times. Seit Ausbruch der Krise seien 500 der 643 Kaufhäuser, die zu den fünf größten Ketten gehörten, in Deutschland pleite gegangen. Das liege vor allem am veränderten Kaufverhalten und an der Polarisierung im Handel zwischen Discountern und Spezialisten. „Es gibt kaum noch Nachfrage nach traditionellen Kaufhäusern, die auf die Mittelschicht abzielen“, zitiert das Blatt einen Experten. Während Karstadt sein Konzept nicht verändert habe, habe Metro seine Kaufhaussparte neu positionieren können: Das Sortiment sei ausgedünnt und den Geschäften ein eleganterer Look verpasst worden. Nun wolle Metro 60 von Karstadts 127 Filialen übernehmen, um so zur unangefochtenen Nummer Eins in Deutschland zu werden.

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