Internationale Presseschau vom 23.4.2009
Europa, die große Bremse

Die internationale Wirtschaftspresse hinterfragt das düstere Bild, das der IWF gestern von der Weltwirtschaft gezeichnet hat. Les Echos stellt sich gegen randalierende und kidnappende französische Arbeiter. Bloomberg läutet das Ende der imperialen CEOs ein. Fundstück: faule Italiener, fleißige Deutsche.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gestern ein düsteres Bild der Weltwirtschaft gezeichnet. Demnach bricht die Wachstumsrate in den führenden Industrienationen in diesem Jahr um fast vier Prozent ein, in Deutschland sogar um 5,6 Prozent. Aus Sicht des Wall Street Journal widerlegen die Zahlen des IWF die Einschätzung mehrerer europäischer Regierungen, dass die USA das Zentrum des „globalen ökonomischen Sturms“ und die Probleme Europas geringer seien. „Die Rezession fällt in Europa tiefer und die Erholung langsamer aus als in den USA oder anderen Ländern der Welt, wodurch der Kontinent zu der Region wird, die die Hoffnungen auf ein frühes Ende des globalen Abschwungs am stärksten entkräftet.“ Vor dem Hintergrund, dass die 18,4-Billionen-Dollar-Wirtschaft der EU rund 30 Prozent der Weltwirtschaft ausmache, sei es wahrscheinlich, dass sich die düsteren Aussichten Europas auf die USA, Asien und andere Regionen auswirkten. Als Ursachen der stärkeren Krisenanfälligkeit macht das Blatt die vergleichsweise hohe Abhängigkeit des europäischen Finanzsystems von Bankenkrediten, das Fehlen einer überstaatlichen Bankenregulierung (trotz gemeinsamer Währung und Europäischer Zentralbank) sowie die tiefe Krise der früheren kommunistischen Länder in Osteuropa aus.

Die Börsen-Zeitung meldet Zweifel an der IWF-Prognose an. Zu keinem Zeitpunkt in seiner Geschichte habe der Währungsfonds so häufig seine Konjunkturprognosen korrigiert. Während die Zahlen früher zweimal im Jahr aktualisiert worden seien, werde der Weltwirtschaftsausblick mittlerweile alle drei Monate, manchmal sogar nach vier Wochen revidiert. „So wurde im Januar für Deutschland lediglich ein Minus von 2,5 % erwartet, das binnen kurzer Zeit auf mehr als das Doppelte stieg. Im Sommer oder spätestens Herbst könnten die Zahlen schon wieder ganz anders aussehen. Vielleicht auch deutlich besser. Nur das positive Vorzeichen vor dem Komma wird auf sich warten lassen.“

Challenges aus Frankreich widmet sich weiteren Krisenmeldungen von gestern aus Berlin (Gipfel im Kanzleramt) und London (Neuverschuldung im laufenden Jahr: 12 Prozent des BIP). Doch obwohl Export und Produktion in Deutschland schwächelten, scheine die Wirtschaft jenseits des Rheins der Krise besser zu widerstehen als andere. Das soziale Netz habe die Deutschen vor größeren Schäden bewahrt. Arbeitnehmer würden in Zwangsurlaub geschickt oder auf Teilzeit gesetzt, während diejenigen, die ihren Job verloren hätten, zumindest nicht von heute auf morgen geschasst würden – wie die britischen Kollegen –, sondern von relativ langen Kündigungsfristen profitierten. Hinzu komme, dass sich die Abwrackprämie als Erfolg erwiesen habe und für ein gutes „psychologisches Klima“ sorge. Fazit des Wirtschaftsmagazins: „Während London schon heult, lacht Berlin noch.“

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