Internationale Presseschau vom 8.10.2008
Feuerwehr ohne Führung

Die internationale Wirtschaftspresse kritisiert das Krisenmanagement Europas in der Finanzkrise. Gazeta.ru glaubt, dass Russland mit dem Milliardenkredit für Island sein Image verbessern will. Die Süddeutsche kritisiert die Aktionäre von Hypo Real Estate. Die FEER sieht Chinas Wirtschaft vor einem tiefgreifenden Wandel. Fundstück: Botox, Bonn und Blackouts.
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"Man kann über die Führung der USA sagen, was man will - immerhin haben die eine", blickt der Business Spectator nach Europa. Im Rückblick sei es bedauerlich, dass sich die europäischen Staatenlenker bei ihrem Krisengipfel in Paris nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnten - weil jeder die Verantwortlichkeit von sich weggeschoben habe. Geradezu lächerlich sei es gewesen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) zuletzt ihren Leitzins unverändert gelassen habe - "Gottseidank führt Jean-Claude Trichet nicht unsere Reserve Bank", spottet das australische Blatt. Die größte Gefahr für die Welt liege daher jetzt nicht in den USA, sondern in Europa, versichert die Wirtschaftszeitung, weshalb der gestrige Kurssturz an der Wall Street in erster Linie durch die Krisenmeldungen auf dem alten Kontinent, insbesondere den Absturz der Aktie von Royal Bank of Scotland um 40 Prozent, zu erklären sei. In dieser bedrohlichen Situation sei eine weltweit koordinierte Aktion zur Senkung der Leitzinsen und Rekapitalisierung der Banken erforderlich, "aber Europa kann nicht einmal sich selbst koordinieren, geschweige denn bei etwas Größerem mitmachen", moniert das australische Blatt. Fazit: Eine "politische Super-Struktur" Europas fehle derzeit.

Auch die Daily Mail aus Großbritannien formuliert eine scharfe Kritik am Krisenmanagement der EU-Länder. Statt sich als "Regierung von Europa" zu beweisen, habe es beim Treffen der Regierungschefs nicht mehr als "oberflächliche Worte und leere Gesten" gegeben, bevor die "kopflosen Hühner" davongeflattert seien, um ihre nationalen Interesse zu verfolgen. "Die Wahrheit ist, dass die massive Bankenkrise wie kein anderes Ereignis in der Geschichte die Hohlheit, Impotenz und Heuchelei der Europäischen Union zum Vorschein gebracht hat", schimpft das Blatt. Die Finanzkrise sei die erste Bewährungsprobe für den Euro, sich als wichtige internationale Währung zu behaupten. Doch ohne eine zentrale, vereinte Regierung, die ihm eine politische Schlagkraft verleihen könnte, sei der Euro bei der gegenwärtigen finanziellen Kernschmelze irrelevant - alle 13 Länder, in denen die Währung im Einsatz sei, interessierten sich mehr für ihre Nationalökonomien, statt für die supranationale Währung.

Le Temps aus der französischsprachigen Schweiz glaubt, dass Europas chaotisches Krisenmanagement nicht nur mit der fehlenden Koordination, sondern auch einem "Zusammenstoß verschiedener Temperamente" zu erklären sei. Die durch die Bankenkrise entflammte EU bleibe eine "multinational Entität", in der jeder dem anderen misstraue und wichtige Informationen vorenthalte - in Italien kämen die Probleme der Banken verspätet ans Tageslicht, Frankreich erwecke den Eindruck, dass bis auf die Offensive von BNP Paribas bei Fortis nichts an der Bankenfront passiere. Nur eine koordinierte Strategie könne die europäischen Feuerwehren zum Erfolg führen, schließt das schweizerische Blatt.

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