Presseschau
Angela Merkel will kein Zahlmeister sein

Die internationale Wirtschaftspresse hinterfragt die Motive von Angela Merkel, die der Idee einer europäischen Anleihe eine Absage erteilt hat. Die Financial Times Deutschland fordert eine Privatisierung von EnBW. Die Wirtschaftswoche lobt den Hochtief-Chef für seine nützlichen Kontakte in Katar. Fundstück: 1,5 Millionen Frauen gegen Wal-Mart.
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Weil Deutschland weder die Ausweitung des Rettungsmechanismus noch den Vorschlag einer gemeinsamen EU-Anleihe befürworte, bleibe der Eurozone nur noch das "Durchwursteln", schreibt das Wall Street Journal. Die Position der Deutschen spiegele die komplizierte Realität in der 16 Nationen zählenden Eurozone. "Deutschland, der de facto Zahlmeister, würde gerne die Kosten eindämmen und kein Geld ausgeben, bis es unumgänglich ist", erklärt das Blatt. Viele in Europa forderten jedoch ein entschiedeneres Vorgehen. Für tiefgreifende Veränderungen brauche es jedoch die Einverständnis Deutschlands, schließlich gehöre es neben Frankreich zu den einzigen großen Ländern, die mit einem Triple A bewertet seien und große Lasten tragen könnten. "Jüngere deutsche Politiker wie Merkel sind aber weniger der politischen Mission der Bundesrepublik, die europäische Einigung voranzutreiben, verbunden. Sie stellen vielmehr pragmatisch die Kosten und Nutzen der Union gegenüber", meint das WSJ. Zudem seien von der risikoscheuen Bundeskanzlerin keine mutigen Schritte zu erwarten.

Die britische Financial Times schaut auf den Vorschlag einer möglichen EU-Anleihe, den die deutsche Regierung sofort abgeschmettert habe. Der Vorschlag sei jedoch als Mechanismus zur Vermeidung von Liquiditätsproblemen in nationalen Anleihemärkten "durchaus einen Blick wert". Eine gemeinsame Ausgabe von Bonds würde einen liquideren Markt schaffen, als jeder, der bisher in der EU existiere. Die Chance eines spekulativen Angriffs wäre ähnlich gering wie bei deutschen Anleihen. Dazu würden die Papiere von einer felsenfesten Unterstützung der EU-Regierung profitieren. Allerdings bleibe die Frage, ob alle Länder die gleiche Verantwortung für die Schulden der Eurozone tragen würden. Außerdem könnten die Zinsen der nationalen Anleihen steigen, was für kleinere Staaten ein steigendes Insolvenzrisiko bedeute.

Auch die Süddeutsche Zeitung hält eine Euro-Anleihe für möglich. Der Grund für Angela Merkels Absage sei die Angst vor dem eigenen Volk und vor dem Auseinanderbrechen des Euros. Deshalb mache die Kanzlerin den Wählern etwas vor. Sie sage, der Erhalt des Euro sei alternativlos. Zugleich erkläre sie, dass dies die Deutschen nichts kosten werde. "Die Bürger dagegen ahnen längst, dass sie dafür zahlen müssen, den Euro zu bewahren", meint die Zeitung. Dies schüre wiederum Ressentiments gegen jene, die angeblich den Euro gefährdeten, und mit ihnen den Wunsch, die Europa-Währung über Bord zu werfen. Dagegen müsse die Regierung ankämpfen. "Ein Austritt aus der Währungsunion träfe Deutschland brutal - dahin wäre die hart erarbeitete Wettbewerbsfähigkeit".

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  • Alles Säbelrasseln - wer braucht den einen liquide Euroanleihe ? die investmentbänker in London vielleicht ? Wo fehlt die Liquidität dann ? im bund Future.

    Vergessen sollte man das, Europa bleibt das, was Deutschland immer war - föderalistisch.

  • Zahlmeister braucht sie auch nicht sein!
    Es würde genügen die EU-Regel so zu ändern dass den Wirtschaftsschwachen Peripherieländern (oft von der deutschen boulevardpresse als Pleitestaaten oder PiiGS genannt) die Möglichkeit gegeben wird ihre Schulden durch Arbeit und Ausfuhren zu tilgen. Man muss aber berücksichtigen dass diese Länder keine "natürliche Standortsvorteile" haben wie Deutschland oder Österreich und auch keine Rohstoffe wie Finnland außerdem einen sehr kleinen binnenmarkt. Die heutige EU-Regeln aber berücksichtigen das nicht. Es ist ein unfairer Wettbewerb. Die Verleumdungskampagne, besonders in Deutschland, hat zu falsche Schlussfolgerungen geführt.
    Das war aber gewollt und nicht wie behauptet, nur ein Fehler. Es ist eine erprobte Methode und wurde übrigens auch schon vor 80 Jahren in Deutschland eingesetzt mit den uns bekannten Folgen. Dadurch wird die Saat der nächsten europäische Katastrophe gesät. ich glaube aber nicht dass dies die Verantwortlich verstehen wollen.

  • Die "mutigen Schritte" sollte man auch lieber den Lemmingen überlassen.

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