Presseschau
Credit-Default-Swaps rehabilitiert

Die Internationale Wirtschaftspresse zerrt genüsslich eine EU-Studie über Credit Default Swaps ans Licht, die die EU-Kommission offenbar gern dezenter abgefeiert hätte. Die Financial Times Deutschland sieht Google an sich selbst scheitern. Fundstück: Griff in die Märchentonne.
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Wegen ihrer vermeintlichen Rolle in der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg waren Credit Default Swaps – insbesondere Kreditausfallversicherungen gegen Staatsbankrotte – als Massenvernichtungswaffen und Finanzmonster in Verruf geraten, für die es dringend Handelsbeschränkungen zu errichten gelte. Eine bislang interne Studie der EU-Kommission rehabilitiert nun ausgerechnet diese CDS.

Credit-Default-Swaps hätten nicht den Finanzzusammenbruch Griechenlands im vergangenen Frühjahr ausgelöst, fasst das Wall Street Journal das Ergebnis der von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Premier Nicolas Sarkozy angeregten Studie der EU-Kommission zusammen. Der Kommissionsreport habe auf die Preise für CDS und die Spannen von Regierungsanleihen geschaut und gefolgert, dass CDS – wenn überhaupt – das Ausfallrisiko unter Preis bewerteten, berichtet das Blatt. „Darüber hinaus sagt das Papier, der CDS-Markt in Europa sei in vielerlei Weise liquider und transparenter, als der Markt für die zugrundeliegenden Bonds.“ Außerdem weise das Papier darauf hin, dass die Beschränkung oder gar der Bann „nackter“ CDS auf Regierungsanleihen die Kosten für die Schuldenaufnahme in Europa erhöhe, da es Investoren den Weg versperre, ihre Positionen zu hedgen. „Mit anderen Worten hat die Untersuchung der Kreditausfallversicherungen gegen Staatsbankrotte einen Markt vorgefunden, der frei von schädlichen Einflüssen und weitgehend unreguliert mehr oder weniger so funktioniert, wie man es erwartet“, bilanziert das WSJ. „Kein Wunder, dass Brüssel die Erkenntnisse unter der Decke hält.“ Das Papier sei nur ans Licht gekommen, weil die niederländische Zeitung „Het Financieele Dagblad“ eine Informationsfreiheitsanfrage gestellt hatte, weiß das WSJ zu berichten.

Die Börsen-Zeitung möchte die bislang nur „von Hand zu Hand gereichte“ Studie der EU-Kommission zum Anlass nehmen, die Beschränkungen im CDS-Handel wieder aufzuheben. „Die Forderung kann nur so lauten“, betont das Blatt. Denn die EU habe mit ihrer Untersuchung gerade die Argumente entkräftet, die seinerzeit als Begründung Begründung für die Beschränkungen im CDS-Handel, nämlich das Verbot ungedeckter Leerverkäufe via CDS, hätten herhalten müssen. Die Staaten-CDS hätten laut Studie „nicht (!)“ zu höheren Refinanzierungskosten der jeweiligen Staaten geführt. Es gebe keinerlei Anhaltspunkte für ein Mispricing zwischen CDS und den Staatsanleihen. Außerdem seien die CDS-Spreads relativ niedrig im Vergleich zu den jeweiligen Bond-Spreads, „weshalb sie kaum die hohen Bond-Spreads verursacht haben können“, referiert das Blatt. „Die Akteure im Kreditderivatehandel, allen voran auf dem viel gescholtenen Markt für Credit Default Swaps (CDS) für staatliche Kreditrisiken, dürften wohl nur eines sagen: „Diese Fakten haben wir bereits im März dieses Jahres, als die Diskussion um CDS-Handelsbeschränkungen hochkochte, immer und immer wieder dargelegt“, hält das Blatt fest.

Ob bewusst zeitgleich mit der EU-Studie oder zufällig zur selben Zeit portraitiert die Financial Times Deutschland jene Frau, die seinerzeit die Credit Default Swaps miterfunden hat, Blythe Sally Jess Masters von JP Morgan. Eine Frau, die gern das letzte Wort habe, schreibt die FTD. „Als die britische Zeitung „The Guardian“ sie einmal ein Jahr älter machte, verlangte sie prompt eine Gegendarstellung; als eine andere Zeitung behauptete, sie habe noch bei der Geburt ihrer Tochter gearbeitet, schritt Masters ebenfalls flugs ein: Sie habe sich nur zur Ablenkung von den Wehen mit ein paar Finanzdaten beschäftigt.“ In einem von ihr geführten Team seien 1997 die folgenschweren Kreditausfallversicherungen geboren worden, damals noch „Bistro“ (Board Index Secured Trust Offering) genannt. Dass sie ausgerechnet das Finanzmonster geschaffen habe, das später als CDS (Credit Default Swaps) die Welt maßgeblich in die Wirtschaftskrise gerissen habe, habe Masters selbst nicht geschadet, stellt die Zeitung fest. Für zimperlich hält das Blatt die Bankerin nach wie vor nicht. Ihre Bank solle für den „ungewöhnlichen Höhenflug des Rohstoffs Kupfer“ mitverantwortlich sein. Womöglich gar nicht nur im Kundenauftrag, sondern auf eigene Rechnung, beruft sich das Blatt auf Daily Telegraph und Wall Street Journal. „Das würde gegen das im Zuge der US-Finanzreform erlassene Eigenhandelsverbot für Banken verstoßen.“

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Kommentare zu " Presseschau: Credit-Default-Swaps rehabilitiert"

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  • Das Zocken den Zockern! Und:
    "Mispricing" zum Wort des Jahres wählen.

    Hatte beim Lesen auch Wehen, lösten sich dann aber, da ich männlichen Geschlechts bin.

    Heute hätte das Handelsblatt die "Presseschau" besser gepfiffen denn geschrieben.

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