Presseschau
Draghi packt die dicke Bertha aus

Die gigantische Geldspritze der EZB hinterlässt bei den internationalen Medien gemischte Gefühle. Die Zentralbank verhindere den Zusammenbruch von Banken, hoffen die Optimisten. Achtung Blase, mahnen die Warner.
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Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, hat den Banken des Euroraums 529,5 Milliarden Euro für drei Jahre zum Zinssatz von einem Prozent geliehen. Die Geldspritze ist bei vielen Ökonomen auf ein eher positives Echo gestoßen. Aber: „Die EZB kann die Probleme der Peripherieländer nicht mit der Notenpresse lösen“, betont Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, im Interview mit dem Handelsblatt.

Im besten Falle erkaufe sich die EZB mit der Spritze Zeit, statt die tiefsitzenden Probleme der Eurozone zu lösen, dämpft der Economist die Hoffnungen. Diese seien eher politischer statt ökonomischer Natur. Hinzu komme, dass die wirtschaftlichen Aussichten von Ländern Griechenland, Portugal, Italien und Spanien trübe seien.

Achtung Blase, warnt die Financial Times Deutschland. Auf den europäischen Krankenhausfluren werde eine Party gefeiert, weil die Krankenkasse mit dem Füllhorn herumgehe und Medizin auch an diejenigen verteile, die keine benötigten. „Übertragen auf die Welt der Finanzmärkte: Die Investoren stürzen sich mit dem billigen EZB-Geld auf risikoreiche Anlageklassen wie Aktien, als gäbe es keine Staatsschuldenkrise in Europa.“

Das Wall Street Journal geht nicht davon aus, dass das Geld am Ende bei den Unternehmen in Form von Krediten landet. Deren Fälligkeit sei in der Regel über drei Jahre hinaus angelegt. Jede Unterstützung der Realwirtschaft hänge davon ab, ob Banken und Regierungen mit Umstrukturierungen und Reformen fortfahren und ihre Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität verbessern.

Draghis Politik erinnert die Süddeutsche Zeitung an das gefährliche Modell der US-Notenbank unter Ex-Fed-Chef Alan Greenspan, das die Finanzkrise erst herbeigeführt habe. Fließe das viele EZB-Geld über die Geschäftsbanken an Unternehmen, drohe ein „künstlicher Boom“, der die Preise hochtreibe und später die Wirtschaft zu lähmen drohe. Fazit: Mario Draghi, der ein Politiker sein wolle und kein normaler Notenbanker, begebe sich auf einen gefährlichen Weg.

Ähnlich argumentiert die Börsen-Zeitung. Der Großteil Eurolands habe die EZB-Hilfen gar nicht nötig. Außerdem sei von der Kreditklemme, vor der Draghi seit Wochen fast panisch warne, nichts zu sehen. In den Bilanzen der Währungshüter wüchsen so Risiken, die vor allem der deutsche Steuerzahler trage.

Die Zeit ist dagegen begeistert von der Geldspritze. „Draghis Dicke Bertha“ sei vielleicht eine der cleversten Schachzüge der Zentralbankgeschichte. Die EZB habe dafür gesorgt, dass der Zusammenbruch einer Bank im Währungsraum unwahrscheinlich geworden sei. „Dadurch können sich einige Banken auch wieder privat refinanzieren.“ Es gebe bisher keine Anzeichen dafür, dass das zusätzliche Zentralbankgeld inflationär wirke. 

Kommentare zu " Presseschau: Draghi packt die dicke Bertha aus"

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  • zuerst wars nur die bazooka. nun ists die dicke bertha. was kommt als nächstes? ne laserkanone oder gleich 'little boy' bzw. 'fat man'? die zerstörungkraft der letzteren können nur die japaner noch richtig in ihrem bewusstsein aufrufen.

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