Presseschau
Fußnote oder politischer Coup?

Die Weltpresse diskutiert kontrovers über die Tötung Osama bin Ladens durch US-Spezialkräfte. Dabei zeigen sich die Medien gespalten angesichts möglicher Folgen für die USA, ihre Außen- und Wirtschaftspolitik.
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DüsseldorfDas US-amerikanische Wall Street Journal sieht in der Tötung Osama bin Ladens durch amerikanische Spezialkräfte einen rechtmäßigen Grund zum Feiern. Auch wenn der islamistische Terror damit nicht zu Ende gehe, so sei dies ein wichtiger Sieg gegen Kombattanten, die selten offen kämpften und Unschuldige angriffen. Dies zeige, dass Demokratien als Sieger aus solchen Kämpfen hergehen könnten. "Die Schlacht von Abbottabad ist ein Triumph der Geheimdienste, Verhöre und Sondereinsätze sind drei der wichtigsten Pfeiler des US-Militärs in diesem langen Krieg", analysiert das WSJ. "Wir dürfen nicht vergessen, dass dieser Krieg ums nationale Überleben gegen Feinde geführt wird, die, wenn sie könnten, unsere Städte auslöschen würden", kommentiert das Blatt. Nicht nur Geheimdienste und Barack Obama hätten Anerkennung verdient, sondern auch Präsident George W. Bush. Dieser habe die Gegenoffensive nach dem 11. September begonnen, die später zum Krieg gegen den Terror geworden sei. Auch habe er die Mittel des Militärs und der Geheimdienste erweitert, um in diesem Krieg erfolgreich zu sein. Einziger Fehler könnte die rasche Seebestattung gewesen sein, die es Al-Kaida und anderen erlaube, die ganze Episode als US-Propaganda abzutun. Es bleibe nur zu hoffen, dass die USA bald die Beweisfotos des toten Osama bin Laden präsentieren.

Die britische Financial Times sieht in dem Tod Osama bin Ladens eine "goldene Möglichkeit", die Umformung der amerikanischen Außenpolitik voranzutreiben, die der Präsident nach seinem Amtsantritt begonnen habe. Der 11. September diente George W. Bush als Anlass für zwei immens teure Kriege, die beide nicht nach Plan verlaufen seien. Bush habe den Krieg gegen den Terror zum Eckstein der US-Strategie gemacht. Jetzt, da bin Laden tot sei, habe Obama die Chance, die Aussöhnung mit der islamischen Welt zu fördern, die er bereits mit seiner Rede in Kairo 2009 angestoßen habe. Viel zu lange hätten die USA autokratischen Regimen im Nahen Osten den Rücken gestärkt, um Stabilität zu bewahren. Nun hätte Amerika einen Anreiz, um die progressiven Kräfte der Region zu stärken. Außerdem könnte bin Ladens Tod neue Optionen für einen Abzug aus Afghanistan "freischalten". Der eigentliche Grund für den Krieg sei gewesen, dass Afghanistan der Al-Kaida und ihren Anführern Schutz geboten habe. "Es kann nicht mehr argumentiert werden, dass die Präsenz in Afghanistan eine Frage von Leben oder Tod für den Westen ist", kommentiert das Blatt.

Vedomosti: ein symbolischer Tod

Die russische Zeitung Vedomosti hält die Tötung von Osama bin Laden vor allem für einen symbolischen Akt, der den Amerikanern besonders am Herzen gelegen habe. Für sie sei er so etwas wie ein zweiter Hitler gewesen. Dabei sei es nicht so wichtig, dass es keinen Gerichtsprozess gegeben habe, schließlich hätten die USA dem Terrorismus den Krieg erklärt und hätten nun nach den Gesetzen des Krieges gehandelt. Auch werde dieser Erfolg die Zustimmungswerte für Präsident Obama steigern. Praktisch sei der Nutzen aus bin Ladens Tötung eher gering. "Wir in Russland wissen, dass die Liquidierung des tschetschenischen Terroristenführers Schamil Bassajew sowie viele ähnliche Operationen den Terror im Nord-Kaukasus nicht eindämmen konnten", schreibt die Zeitung. Die Struktur des Terror-Netzwerks brauche keine zentrale Steuerung. Die Kämpfer würden von verschiedenen Seiten gesponsert, die zwar verschiedene, aber konkrete Ziele verfolgten. Zwar werde die Marke Al-Kaida an Bedeutung verlieren, doch das habe sie ohnehin schon, angesichts des Aufstiegs religiös-nationalistischer Lokal-Organisationen.

FTD, Presse: unschätzbarer Sieg im Anti-Terror-Krieg

Auch wenn Osama bin Laden nicht der Chef einer hierarchischen Organisation gewesen sei und über viele Anschläge wohl kaum Bescheid gewusst habe, so sei seine Liquidierung trotzdem ein Erfolg, kommentiert die Financial Times Deutschland. Er sei zehn Jahre lang der lebende Beweis für die Grenzen der amerikanischen Macht gewesen. "Die Unfähigkeit, Bin Laden zur Strecke zu bringen, ist für Amerika eine unendliche Schmach gewesen", schreibt das Blatt. Nun gehöre der Mythos von Bin Ladens Unbesiegbarkeit der Vergangenheit an. Sein Tod sende die Botschaft: "Wenn die US-Spezialeinheiten ihn töten können, dann ist keiner mehr sicher". Außerdem verliere die al-Kaida eine Identifikationsfigur, die junge Dschihaddisten inspiriert habe. Al-Kaida werde nie mehr das Netzwerk sein, das es mit Bin Laden gewesen sei. "Präsident Barack Hussein Obama ist es besonders zu gönnen, dass ihm dieser Schlag gelungen ist", meint die FTD. Seine politischen Feinde hätten ihm stets unterstellt, allein schon wegen seines zweiten Vornamens unzuverlässig zu sein im Anti-Terror-Kampf. 

Auch die Presse aus Österreich sieht in der Tötung Osama bin Ladens einen symbolischen Sieg. Der Mythos bin Ladens habe sich nicht zuletzt daraus gespeist, dass die unbestrittene Supermacht mit all ihren Drohnen, Satelliten und Hightech-Möglichkeiten mindestens 13 Jahre nicht in der Lage gewesen sei, den Staatsfeind Nummer eins zu finden. Dass er nun in einer Hochsicherheitsvilla wenige Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt entfernt ums Leben gekommen sei, werfe die Frage auf, ob Pakistans Geheimdienst nur auf einem oder auf beiden Augen blind sei. Bei seiner Triumphrede habe sich Barack Obama nicht gerade wie ein Friedensnobelpreisträger ausgenommen. Er habe nicht ein Mal den Anschein erwecken wollen, dass es wünschenswert gewesen sei, bin Laden lebend zu fassen. Ein Gerichtsprozess hätte die Monstrosität der Verbrechen von bin Laden der Welt vor Augen geführt. Die Al-Kaida selber habe schon vor der Operation an Einfluss verloren. "Diese Tendenz könnte sich nun verstärken, weniger durch bin Ladens Tod, sondern vielmehr durch den Arabischen Frühling", analysiert das Blatt.

Süddeutsche Zeitung: Arabischer Frühling kommt den Spezialkräften zuvor

Mit Bin Laden hätten die USA eine Ikone beseitigt, die sie selbst zuvor erschaffen hätten, weil sie den Terror so sehr personalisierten, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Die Tötung des Mannes werde in New York und Washington wie eine Befreiung, wie ein Sieg empfunden. "Beides sind trügerische Gefühle", kommentiert die SZ. Weder sei der Terror besiegt noch Amerika befreit. Die USA müssten selbstkritisch klären, ob die Fixierung auf den Terror und die Kriege im Inneren wie im Äußeren die Nation nicht eher gelähmt hätten. Amerika habe sich in den zehn Jahren mit Schutzwällen umgeben - physischen wie mentalen Barrieren. Osama bin Laden stehe für den Beginn einer gewaltigen Aufrüstung und einer politisch manchmal irrsinnig anmutenden Orientierungslosigkeit, die in den Machtverlust der USA gemündet sei. Barack Obama habe diesen Zusammenhang erkannt und dem Land eine internationale Selbstbeschneidung verordnet. "Dies wird eines Tages möglicherweise als wichtigste außenpolitische Tat des amtierenden Präsidenten erkannt werden", prophezeit die Zeitung.

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  • Jubeln geht gar schon gar nicht als Christ: http://www.internet-law.de/2011/05/hangt-ihn-hoher.html

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