Presseschau
„Irland ist faktisch insolvent“

Die internationale Wirtschaftspresse zweifelt an Irlands Zukunft und sieht neue Probleme für die Banken des Inselstaates. Die Wirtschaftswoche und die Financial Times erteilen dem Goldstandard eine Absage. Challenges prophezeit Rolls-Royce ein bitteres Nachspiel nach der A380-Notlandung. Fundstück: Bluetooth vom Schmuckdesigner.
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Wachsende Sorgen um den schlechten Zustand der irischen Finanzen hätten über Nacht die Schuldenmärkte aufgewühlt und die Kreditkosten für die schwächeren Euroländer in die Höhe getrieben, schreibt der australische Business Spectator. Investoren zweifelten immer mehr an der Fähigkeit der irischen Regierung, die eine hauchdünne Mehrheit besitze, genügend Unterstützung im Parlament für die das 15 Milliarden Euro schwere Sparprogramm zu bekommen. "Investoren schrecken wegen wachsender politischer Unsicherheit und der Befürchtung, dass sie einen Großteil der möglichen Verluste in künftigen staatlichen Schuldenkrisen selber schultern müssen, vor den irischen Schulden zurück", analysiert das Blatt. Die Rendite auf irische Anleihen sei zehn Tage am Stück gestiegen und liege nun rekordverdächtige 5,5 Prozentpunkte über dem Vergleichswert für deutsche Anleihen.

Irland sei faktisch bereits insolvent, schreibt der irische Ökonom Morgan Kelly in einem Kommentar für die Irish Times . "Im September hat die Republik Irland als unabhängiges fiskalisches Gebilde aufgehört zu existieren und ist zu einer Abteilung der Europäischen Zentralbank geworden", rekapituliert der Ökonom. Damals habe die Regierung die Schulden der Banken in Anteile umwandeln können, was die Bankenkrise beendet habe. Stattdessen habe Irland beschlossen 55 Milliarden Euro an französische, britische und deutsche Banken auszuzahlen, meist finanziert durch Kredite der EZB. "Das Problem ist, dass die unbegrenzte Haftung des Staates für die Schulden der einheimischen Institute die finanziellen Kapazitäten Irlands bei weitem überschreitet", kommentiert Kelly. Insgesamt bringe der Bankensektor 70 Milliarden Euro Verluste ein. Für den Steuerzahler bedeute dies, dass jeder Cent an Einkommenssteuern für die nächsten fünf Jahre in den Schuldendienst fließe. "Mit anderen Worten: Irland ist pleite. Die Verbindlichkeiten übersteigen bei weitem jede realistische Möglichkeit, sie zurückzuzahlen", schreibt der Kommentator.

Ausfallende Eigenheimdarlehen seien nach der Krise der Gewerbeimmobilien der nächste Schlag für die irischen Banken, prophezeit das Wall Street Journal. Bisher seien Darlehen für private Wohnungen ein weitaus geringeres Problem gewesen als die Finanzierung kommerzieller Immobilien, die den Banken Milliardenverluste beschert habe. Diese hätten die Regierung zu Rettungsmaßnahmen gezwungen, die das Land an den Rand der Insolvenz gebracht hätten. "Die Schwierigkeiten bei den Wohnungsbaukrediten befeuern die Angst, dass eine zweite Verlustwelle selbst die gesündesten Banken Irlands treffen könnte", argumentiert das Blatt. Rund 4,6 Prozent der Schuldner sei mit ihren Raten mindestens 90 Tage im Verzug. Vor neun Monaten seien es nur 3,3 Prozent gewesen. Bis zum Jahresende dürfte durch fallende Hauspreise bei mindestens einem Viertel der Schuldner die Hypothekenlast den Immobilienwert übersteigen, was die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen erhöhe.

Die Spekulanten, die darauf setzten, dass Irland seine Schulden nicht rechtzeitig bezahlen könne, würden eines Besseren belehrt und ihr Geld verlieren, schreibt dagegen der ehemalige irische Premierminister John Bruton in einem Kommentar für den Wirtschaftsdienst Bloomberg . Irland habe Kapazitäten, die Auflagen, zu denen sich die Regierung verpflichtet habe, zu erfüllen. Gemessen am BIP habe Irland noch immer eines der größten Einkommen in der EU. Und selbst wenn die Einkünfte auf das Niveau von 1997 fielen, würde es den Menschen noch immer gut gehen. Die hohen Ausgaben seien ein erst frisches Problem. So hätten sich die Ausgaben für den Gesundheitssektor seit 2000 verdoppelt, die Menschen seien allerdings nicht doppelt so gesund. Bei den Einkommenssteuern zahle eine irische Familie, verglichen mit einer deutschen, etwa die Hälfte auf das gleiche Gehalt. Das irische Volk sei außerdem sehr vernünftig mit den anstehenden schmerzhaften Einschnitten umgegangen. Der Realismus der Iren in der Debatte um Ausgabenkürzungen kontrastiere mit dem "Zirkus" in Frankreich.

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  • Schlimm genug das wir in einer Zeit leben in der ganze Länder einen Wirtschaftssektor stützen und retten müssen damit nicht das ganze Land in den Abgrund gerät. Wesentlich schlimmer ist das hierdurch alle Mitgliedsstaaten der EU betroffen sind. Nämlich mit der brieftasche.

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