Presseschau
„Merkel versteht die Märkte nicht“

Die internationale Wirtschaftspresse schießt sich auf die deutschen Umschuldungspläne für schwache Staaten ein, mit denen die Bundesregierung die Zahlungsfähigkeit der gesamten Eurozone gefährde. La Tribune warnt vor der Euroskepsis in der Londoner City. Vedomosti stellt die ehrgeizigen Pläne von Renault-Nissan in Russland vor. Fundstück: Notenbanking à la Teletubbies.
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Die britische Financial Times meint, dass die deutsche Politik, die unzweifelhaft den Ton in der EU angebe, aktuell der Währungsunion mehr schade als helfe. Die deutschen Umschuldungspläne hätten die Bailouts von Irland und Portugal wahrscheinlicher gemacht. Zwar habe sich Frankreich inzwischen hinter Merkel gestellt, streng nach der Devise "der beste Weg, um weiterhin Einfluss auf die Deutschen auszuüben, besteht darin, ihnen in zentralen Fragen nah zu bleiben". Doch einige kleinere Staaten könnten das "Diktat aus Berlin" ablehnen. Sollten die nationalen Parlamante die Änderungen des EU-Vertrags ablehnen, drohe Merkel eine "Revolte".

In einem weiteren Artikel fängt die Financial Times die Anti-Deutschland-Stimmung in der EU ein. Selbst Länder wie die Niederlande, Finnland und Österreich, die in der Wirtschaftspolitik oft auf der Seite der Deutschen stünden, hätten das Berliner Verhalten mit Blick au die Schuldenkrise in Frage gestellt. Daniel Gros, Director des Brüsseler Centre for European Policy Studies, erinnert daran, dass Merkel schon einmal für Wirbel in der EU gesorgt habe: Anfang des Jahres, als sie monatelang konkrete Hilfszusagen für Griechenland verweigert habe und erst im Mai von den erzürnten Bond-Märkten zum Einlenken gezwungen worden sei. "Das ist der fundamentale Makel in Merkels Ansatz: Was sie offenbar nicht versteht, ist, dass sich die Märkte nicht wie politische Systeme verhalten. Sie antizipieren Dinge. Aber die antizipieren nur ungefähr, nicht rational."

In der Financial Times Deutschland kritisieren Ex-IWF-Chefökonom Simon Johnson und der Londoner Ökonom Peter Boone die Berliner Umschuldungsplänen für schwache Staaten, mit denen die Bundesregierung die Zahlungsfähigkeit der gesamten Euro-Zone gefährde. Die deutsche Forderung nach Mechanismen, die auch Verluste für Gläubiger erlaubten, dränge schwächere Länder der Euro-Zone geradezu in eine Staatspleite. Hintergrund: Länder würden dann zahlungsunfähig, wenn die Kosten ihrer Staatspleite geringer seien als die Vorteile. Und da Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Kollegen gerade Werbung für ihren gut ausgearbeiteten Plan machten, der sogar eine Überbrückungsfinanzierung während der Insolvenz vorsehe, nähmen die Kosten der Staatpleite ab. "Zugleich wachsen die Vorteile: Denn die Umschuldungsklauseln, die für neue Anleihen vorgesehen sind, lassen die Zinsaufschläge steigen, die schwächere Länder heute zahlen müssen."

Aus Sicht des Wall Street Journal hängt die Zukunft der Europäischen Union primär davon ab, ob Deutschland eine höhere Binneninflation in Kauf nimmt. Ein Ausbalancieren der Wettbewerbsfähigkeit sei nur durch niedrigere Arbeitskosten in den Peripherieländern der EU oder höhere Lohn- und Produktionskosten in Deutschland möglich. Doch eine höhere Inflation würden allerdings die deutschen Sparer und Inhaber deutscher Staatsanleihen bestraft, zweifelt das Blatt an der Perspektive dieses Auswegs. Mindestens seit Mitte der 1920-er Jahre reagierten deutsche Sparer allergisch allein auf die Erwähung des Wortes Inflation, weshalb es wenig aussichtsreich sei, dass diese mehrere Jahre lang eine höhere einstellige Inflationsrate akzeptierten.

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  • Wozu die ganze Aufregung ?. Dass Frau Merkel nichts anderes kann als das Geld der Steuerzahler mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen wussten wir doch vorher.

  • Ohne den Euro hätte es diese Finanzkrisen nie gegeben! Den Ländern wäre vom Kapitalmarkt schon frühzeitig signalisiert geworden, dass die Schuldenpolitik expansiv oder das Risikopotential zu groß sei. Wir versuchen damit das instrument zu retten, dass Ursache für diese und folgende Krisen sein wird. Am Ende erlebt Deutschland sein finanzpolitisches Vietnam.

  • Frau Merkel kann auch nicht Schiedsrichter beim Fussball sein. Wie kann sie dann hochkomplexe Wirtschaft verstehen?

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