Presseschau vom 31.10.2007
Neue Bombe in Sicht

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert den Rausschmiss von Merrill-Lynch-Boss Stanley O'Neal und befürchtet neue Gefahren für die Finanzmärkte. Le Monde kritisiert das Schweigen europäischer Finanzpolitiker zum schwachen Dollar. Die Süddeutsche Zeitung warnt vor staatlichem Heuschreckenschutz. Fundstück: Im Club der toten Reichen.

Nachdem sich die US-Investmentbank Merrill Lynch gestern von ihrem Vorstandschef Stanley O'Neal getrennt hat, schreibt die » Business Week, dass die Probleme damit nicht beendet seien. Die Herausforderungen, die O’Neals Nachfolger – Kandidaten seien BlackRock-Chef Laurence Fink und der CEO von NYSE Euronext, John Thain – bewältigen müsse, seien riesig. Ganz oben auf der Liste stünden strategische und Führungsprobleme, die in der Amtszeit von O’Neal zu den Verlusten geführt hätten. „Im Speziellen muss sich die Bank darüber klar werden, ob sie gewillt ist, sich im hochriskanten wie hochprofitablen Eigenhandel weiterhin zu betätigen“, erklärt das Blatt. Außerdem müsse das Risikomanagement auf den Prüfstand gestellt werden. Verzichte Merrill auf den Eigenhandel, rückten zwar Erlöse wie die von Goldman Sachs in weite Ferne. Konzentriere sich Merrill jedoch auf den Retail-Brokerage-Bereich, der in den USA marktführend sei, könne das Unternehmen längerfristig ein „respektables“ zweistelliges Wachstum einplanen.

Die » New York Times wundert sich, dass offenbar nicht die heftigen Quartalsverluste, sondern die hinter dem Rücken des Verwaltungsrats geführten Fusionsgespräche mit der Geschäftsbank Wachovia zum Rausschmiss von O’Neal geführt haben. „Was wäre passiert, wenn der Verwaltungsrat (...) die Fusionsidee gemocht hätte – hätte O’Neal dann noch seinen Job?“ Grundsätzlich seien solche Rausschmisse so schmerzhaft wie notwendig. „Die Kreditkrise und ihre Belastungen für die Märkte und die Wirtschaft werden erst dann beendet sein, wenn Investoren wieder Vertrauen gewinnen. Es ist jedoch nicht vertrauensstiftend, wenn große Finanzinstitutionen von denselben Leuten geführt werden, die schon am Ruder standen, bevor das Chaos ausbrach“, schreibt die Zeitung.

Die » Financial Times Deutschland begrüßt den Rücktritt von O’Neal, warnt jedoch davor, dass der Fall Merrill zum Signal für andere Geldinstitute werden könnte, bei der Veröffentlichung möglicher Belastungen zurückhaltender zu werden. „Gerade in Krisenzeiten kommt es auf Transparenz an. Ein Grund für die Blockade an den Märkten ist, dass sich die Banken untereinander nicht mehr vertrauen.“ Die Investoren brauchten indes die Offenheit der Institute. „Sie müssen dann aber auch in Kauf nehmen, dass Berechnungen einmal deutlich korrigiert werden – gerade in einer Phase, in der es für viele Finanzprodukte keine Preise gibt.“

» Fortune erwartet eine neue „Bombe“ auf den Finanzmärkten. Nachdem die Subprime-Krise im Sommer durch ein Hypothekenschulden-Volumen von 900 Milliarden Dollar angefeuert worden sei, drohe jetzt eine neue Gefahr: „Aus Furcht, dass die Kreditkartenschulden in den USA in Höhe von 915 Milliarden Dollar explodieren könnten, haben große Finanzinstitutionen wie Citigroup, American Express und die Bank of America bereits ihre Schutzwesten angezogen“, schreibt das Magazin. Die Citigroup habe 2,24 Milliarden Dollar an Rückstellungen für künftige Ausfälle gebildet. Hintergrund: Weil die Konsumenten immer größere Schwierigkeiten hätten, die Hypotheken für ihr Haus abzuzahlen, wichen diese zunehmend auf ihre Kreditkarten aus, um die Raten stemmen zu können. „Das ist selbstmörderisch, weil die Zinsen auf Kreditkarten mehr als doppelt so hoch sind wie auf Hypotheken.“ Der Trend lasse sich bereits deutlich in Großbritannien verfolgen, wo sechs Prozent der Eigenheimbesitzer auf diesem Wege ihre Häuserschulden abzahlten. „Halten Sie Ihre Finger gekreuzt, dass der Trend nicht den Atlantik überquert“, bangt das US-Blatt.

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